Der Diskurs des „schönen Schreckens“ entstand im Gefolge der Aufklärung mit der Ästhetisierung des Angst Einflößenden zum Erhabenen. Als Teilbereich der literarischen Fantastik bewegt sich der Diskurs im Spannungsfeld zwischen den Konventionen des Realistischen und des Wunderbaren (wie wir es z.B. aus Märchen, Sagen und dgl. kennen). Kennzeichnend ist dabei, dass das Irrationale, Übernatürliche, Unheimliche als gleichwertige Alternative inszeniert wird, und zwar mit Hilfe bestimmter narrativer Techniken. Literaturhistorisch gesehen breitete sich die Gattung als "gothic novel" nach britischem Vorbild seit Mitte des 18. Jh. in der abendländischen Welt aus. Obwohl Teile seines Motiv- und Figurenrepertoires rasch zum Klischee erstarrten, erwies sich der Diskurs selbst als außerordentlich anpassungsfähig und wandelbar. Er fusionierte scheinbar mühelos mit lokalen Traditionen, trotzte sämtlichen realistischen Literaturtendenzen, schloss sich an moderne wissenschaftliche Diskurse wie der Psychologie an, um dann im 20. Jahrhunderte erfolgreich weitere Medien (wie z.B. den Film) zu kolonisieren. Für unseren Fokus auf die russische Einflusssphäre soll Karamzins Erzählung „Ostrov Borngol’m“ (1793) als Ausgangspunkt für eine Reise in die Welt der verdrängten Familiengeheimnisse, der Spukorte, der Geister und Vampire dienen.

Semester: WiSe 2026/27