Anfang des 20. Jahrhunderts stürmten die Frauen die russische Literatur. Gerade eben noch als Musen der Männer gnädig am Fuße des Olymp der russischen Literatur geduldet, erstürmen sie nun dessen Gipfel. In allen Bereichen und Genres erkämpfen sich Autorinnen ihren Platz – ob in der Lyrik, wo Frauen wie Zinaida Gippius, Čerubina de Gabriak, Anna Achmatova oder Marina Cvetaeva für Furore sorgen, ob in der Belletristik oder in den Untiefen der Boulevardliteratur – sie sind einfach überall. Das sorgt für Unruhe im System. Ebenso erbost wie fassungslos schreibt der Literaturkritiker Il’ja Vasilevskij 1916 über die Besteller- und Skandalautorin Anastasija Verbickaja: „Sie hat Tolstoj besiegt!“ und spielt damit auf die Auflagenhöhe ihrer Boulevardromane an.

Im Seminar wollen wir uns mit der Bandbreite „weiblichen Schreibens“, seiner Marginalisierung und seinen Erfolgen vertraut machen und dabei immer auch einen Blick auf die Strategien werfen, die die Autorinnen entwickelten, um sich in der traditionell männlich dominierten Literaturszene der Zeit zu behaupten.

Semester: SoSe 2026