Dokumentenanalyse

Die Dokumentenanalyse ist eine eigenständige Methode der qualitativen Datenerhebung. Anders als Interviews oder Beobachtungen arbeitet sie mit vorhandenen Dokumenten, die unabhängig vom Forschungsprozess entstanden sind. Diese Texte, Bilder oder multimedialen Inhalte werden als Ausdruck menschlichen Erlebens verstanden und systematisch untersucht, um Bedeutungen zu rekonstruieren.

Die Methode eignet sich besonders für offene, explorative oder theoriebildende Forschungsfragen. Dabei folgt die Analyse meist einem induktiven, datengestützten Vorgehen.

Gerade in Zeiten zunehmender Digitalisierung und Mediatisierung des Alltags entstehen immer mehr Dokumente, die für die Forschung wertvoll sein können – von Social-Media-Beiträgen, Blogs und E-Mails bis hin zu amtlichen Berichten oder Archivmaterialien. Die Dokumentenanalyse bietet somit eine effiziente Möglichkeit, diese „natürlichen“ Datenquellen zu erschließen.

Wichtig: Dokumente, die erst während einer Studie erzeugt werden (z. B. Interviewtranskripte, Feldnotizen), gehören nicht zur eigentlichen Dokumentenanalyse. Ihre Auswertung gehört zur jeweiligen Methode, mit der sie erhoben wurden.

Merkmale und Besonderheiten

  • Die qualitative Dokumentenanalyse nutzt nicht-reaktive Datenquellen: Die Inhalte wurden ohne Einfluss durch Forschende erstellt
  • Sie ermöglicht Einblicke in Abläufe, Sichtweisen oder institutionelle Praktiken, oft auch rückblickend über längere Zeiträume
  • Dokumente können sehr vielfältig sein: schriftlich, visuell, digital, multimedial
  • Die Analyse erfordert eine sorgfältige Einordnung in den Entstehungs- und Nutzungskontext: Wer hat das Dokument erstellt, mit welcher Absicht, für wen?

Typen von Dokumenten

  • Persönliche Dokumente: Tagebücher, Briefe, E-Mails, private Fotos
  • Offizielle Dokumente: Akten, Protokolle, Dienstanweisungen, Gesetzestexte, Zeitungsartikel
  • Öffentlich vs. nicht-öffentlich: Manche Materialien sind frei zugänglich (z.B. öffentliche Social-Media-Beiträge), andere erfordern Zustimmung der Ersteller:innen (z.B. Familienfotos, Sitzungsprotokolle)

Ablauf einer Dokumentenanalyse

  • Sammlung: Zielgerichtete Beschaffung passender Dokumente aus Archiven, Internetquellen oder persönlichen Sammlungen.
  • Archivierung: Ordnung und Speicherung der Materialien (digital/analog).
  • Fallbezogene Analyse: Systematische Durcharbeitung jedes Dokuments, Bildung von Codes und Fallbeschreibungen.
  • Fallübergreifende Analyse: Verdichtung von Codes zu übergeordneten Kategorien, Typenbildung oder Theoriebildung.

Hinweis: Bei quantitativer Dokumentenanalyse wird das Material zunächst quantifiziert, z. B. über standardisierte Kategorien.

Beschaffung vorhandener Dokumente 

  • Zeitungen, Zeitschriften und Bücher: Zugang über Bibliotheken, Medienarchive, kostenpflichtige ePaper oder Datenbanken (z. B. LexisNexis). Ältere Ausgaben können auch über Archive oder Online-Marktplätze beschafft werden
  • Radio- und Fernsehsendungen: Über Mediatheken, Podcasts oder Mitschnittdienste zugänglich; ältere Sendungen oft kostenpflichtig bestellbar
  • Online-Dokumente: Websites, Blogs, Foren meist frei verfügbar. Besonderheiten: Urheberrecht und Datenschutz müssen beachtet werden. Schlagworte („Tagging“) erleichtern die Suche und Organisation. Große Datensätze können über Social Media, APIs oder Web-Scraping gewonnen werden
  • Offizielle Dokumente von Organisationen: Unternehmensberichte, Gesetzestexte, Reden oder Protokolle sind meist direkt über die Websites von Behörden, Organisationen oder Archiven abrufbar
  • Persönliche Dokumente: Briefe, Fotos, E-Mails oder Tagebücher müssen oft durch direkte Ansprache der Besitzenden oder über öffentliche Aufrufe eingeholt werden. Für historische Dokumente bieten sich auch Flohmärkte oder spezielle Archive an
  • Dokumenten-Archive: Manche Archive stellen Dokumentensammlungen speziell für Forschungszwecke online bereit. Auch geteilte Forschungsdatensätze ermöglichen Sekundäranalysen

Vor- und Nachteile der Dokumentenanalyse

Vorteile

Herausforderungen

Nonreaktivität: Die Dokumente entstehen unabhängig vom Forschungsprozess, wodurch eine Einflussnahme der Forschenden auf die Daten ausgeschlossen wird

Ressourcenschonend: Im Vergleich zu Interviews oder Beobachtungen ist die Dokumentenanalyse ein vergleichsweise einfaches und kostengünstiges Verfahren. Es sind weder umfangreiche Schulungen noch komplexe Erhebungsinstrumente erforderlich

Vielfältige Datenquellen: Es können sehr unterschiedliche Dokumenttypen (persönlich/offiziell, öffentlich/nicht-öffentlich, textuell/visuell/multimedial) genutzt werden, wodurch sich vielfältige Perspektiven eröffnen

Zugang zu schwer erreichbaren Phänomenen: Dokumentenanalyse ermöglicht Einblicke in historische Ereignisse, institutionelle Abläufe oder private Lebenswelten, die mit anderen Methoden nicht oder nur schwer zugänglich wären

Fehlende Kontrolle über die Entstehung: Bei vorgefundenen Dokumenten kann der Kontext der Dokumentenproduktion oft nicht vollständig rekonstruiert werden –wer hat wann, mit welcher Absicht und unter welchen Umständen das Dokument erstellt?

Keine experimentelle Kontrolle: Die Forschenden können die Inhalte der Dokumente nicht gezielt steuern, was bedeutet, dass für das Forschungsproblem relevante Aspekte fehlen oder nur unvollständig behandelt sein können

Unterschiedliche Zugänglichkeit: Nicht alle Dokumente sind öffentlich oder leicht verfügbar. Private Dokumente erfordern häufig das Einverständnis der Besitzer:innen, was Zeit und Aufwand erfordert 

Qualität variiert: Authentizität, Glaubwürdigkeit, Repräsentativität und Interpretierbarkeit müssen kritisch geprüft werden

Forschungsethische Fragen: Besonders bei digitalen und öffentlich zugänglichen Online-Dokumenten stellen sich Fragen zum Datenschutz, zur Urheberschaft und zur Zustimmung der Autor:innen

 

Einsatzbereiche im Gesundheitswesen

  • Analyse von Patientenakten, Pflegeberichten oder Leitlinien
  • Untersuchung von Aufklärungsmaterialien (Flyer, Broschüren)
  • Auswertung von Online-Foren/Social-Media-Foren zu Krankheitserfahrungen
  • Analyse von Protokollen zu Qualitätssicherung oder Ethikkommissionen

Ausblick

In dieser Lerneinheit wurde die Dokumentenanalyse als eigenständige Methode der qualitativen Datenerhebung vorgestellt. Es wurde erläutert, welche Arten von Dokumenten genutzt werden können, wie sie systematisch gesammelt und welche Vor- und Nachteile diese Methode mit sich bringt, gerade auch im Kontext des Gesundheitswesens.

In der nächsten Lerneinheit geht es um Qualität und Ethik in der qualitativen Datenerhebung im Gesundheitswesen: Du erfährst, welche Anforderungen an die Qualitätssicherung gestellt werden, wie Forschende ihre Rolle reflektieren sollten und welche ethischen Grundsätze bei der Arbeit mit sensiblen Daten unbedingt zu beachten sind.

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Universität Witten/Herdecke, Projekt DIM-Ruhr

Modifié le: lundi 23 mars 2026, 12:24