2_Grundlagentext_Interviews
Interview
Das Einzelinterview ist eine der am häufigsten eingesetzten Methoden in der qualitativen Forschung. Es bietet Raum für persönliche Erzählungen, Erfahrungen und Sichtweisen. Interviews können unterschiedlich stark strukturiert sein:
- Narrative Interviews: sehr offen, laden dazu ein, Erlebnisse frei zu erzählen („Erzählen Sie bitte, wie Sie Ihre Diagnose erlebt haben.“)
- Leitfadeninterviews: halbstrukturiert, mit vorbereiteten Fragen, die flexibel eingesetzt werden können
Qualitative Interviews zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht strikt vorstrukturiert sind und die Befragten das Gespräch maßgeblich mitgestalten können. Dabei kommen häufig offene Fragen zum Einsatz, die ausführliche und individuelle Antworten ermöglichen. Die Interviewenden agieren nicht nur als Fragesteller, sondern als aktive Erhebungsinstrumente, indem sie Rückfragen stellen, nonverbale Signale wahrnehmen und das Gespräch situativ lenken. Diese Flexibilität erlaubt eine tiefgehende Exploration der subjektiven Perspektiven und neue, spontane Fragestellungen im Verlauf des Interviews.
Typische Einsatzbereiche im Gesundheitswesen:
- Gespräche mit Patient:innen über ihren Behandlungsverlauf
- Interviews mit Pflegefachpersonen zu ethischen Dilemmata
- Befragungen von Angehörigen zu Erfahrungen mit der Versorgung
Ablauf eines qualitativen Interviews
Der Ablauf einer qualitativen Interviewstudie umfasst mehrere Schritte:
1. Inhaltliche Vorbereitung
Bevor Interviews geführt werden, muss das Thema der Studie genau festgelegt werden. Es wird ein Interviewleitfaden entwickelt, mit offenen Fragen, die den Teilnehmenden Raum geben, frei über ihre Erfahrungen zu sprechen. Interviewer:innen sollten gut vorbereitet und geschult sein – z. B. durch Übungsinterviews oder Rollenspiele. Auch die Technik muss funktionieren: Aufnahmegeräte, Batterien und Speichermedien sollten bereitliegen. Wichtig ist außerdem, dass die Teilnehmenden über die Studie informiert werden, ihre Zustimmung geben und ihre Daten vertraulich behandelt werden (s. Kap. 5 „Informierte Einwilligung).
2. Auswahl der Teilnehmenden (Rekrutierung)
Je nach Fragestellung werden gezielt Menschen gesucht, die bestimmte Merkmale mitbringen (z. B. bestimmte Berufe, Altersgruppen oder Krankheitserfahrungen). Ziel ist es, möglichst unterschiedliche Sichtweisen zu sammeln. Die Teilnehmenden können über persönliche Kontakte, Aushänge oder Online-Plattformen angesprochen werden. Da es zu Absagen kommen kann, wird meist eine großzügige Anzahl an potenziellen Befragten rekrutiert. Falls nötig, erfolgt eine Nachrekrutierung, bis die gewünschte Stichprobengröße erreicht ist oder im Verlauf der Interviews eine sogenannte inhaltliche Sättigung eingetreten ist – das heißt, neue Gespräche bringen keine wesentlichen neuen Erkenntnisse mehr.
3. Start des Interviews
Das Gespräch beginnt mit einer kurzen Vorstellung und etwas Smalltalk, um eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Bevor das eigentliche Interview startet, wird der Zweck der Studie erläutert, der Ablauf erklärt und offene Fragen geklärt. Ein zentraler Punkt ist zudem das Einholen der informierten Einwilligung (informed consent). Die Befragten müssen wissen, wozu ihre Aussagen verwendet werden, wie mit den Daten umgegangen wird und welche Rechte sie haben. In der Regel wird das Gespräch aufgenommen. Vor Beginn sollte das Aufnahmegerät getestet werden, um technische Probleme zu vermeiden. Die Qualität der Aufnahme ist entscheidend für die spätere Transkription und Analyse.
4.Durchführung der Interviews
Während des Interviews liegt die Hauptverantwortung bei der Interviewperson. Sie steuert den Gesprächsverlauf, achtet aufmerksam auf verbale und nonverbale Reaktionen und sorgt dafür, dass das Gespräch beim Thema bleibt. Auch wenn ein Leitfaden Orientierung bietet, sind Interviewende oft gefordert, spontan vertiefende oder klärende Fragen zu stellen. Dabei ist Fingerspitzengefühl gefragt: Fragen sollten so formuliert werden, dass sie keine wertenden Untertöne enthalten oder Befragte in eine bestimmte Richtung lenken. Besonders sensible Themen können – je nach Dynamik des Gesprächs – ans Ende verschoben werden (s. „Fragen richtig formulieren – worauf kommt es bei qualitativen Interviews an?). Die Gesprächsführung soll weder zu streng noch zu locker sein – eine gute Balance ist wichtig, damit die Teilnehmenden sich wohl fühlen und gleichzeitig beim Thema bleiben.
5. Gesprächsende
Oft entsteht nach dem eigentlichen Interview ein lockeres, informelles Gespräch. Manchmal sagen die Teilnehmenden dabei noch wichtige Dinge, die sie im formellen Teil nicht erwähnt haben. Interviewende sollten daher auch nach dem formalen Abschluss aufmerksam bleiben. Es empfiehlt sich, das Aufnahmegerät nicht vorschnell auszuschalten oder – falls dies bereits geschehen ist – zumindest wesentliche Inhalte des Nachgesprächs schriftlich zu dokumentieren. – aber nur verwendet werden, wenn die Teilnehmenden ausdrücklich zustimmen. Je nach Studie kann im Anschluss ein kurzer Fragebogen zu persönlichen Daten (Alter, Beruf usw.) oder psychometrischen Tests ausgeteilt werden.
6. Verabschiedung
Zum Schluss erhalten die Teilnehmenden ein Dankeschön und – falls vorhanden – Materialien über das Forschungsprojekt oder eine Visitenkarte. Wenn gewünscht, kann eine spätere Rückmeldung zu den Ergebnissen angeboten werden. Bei schwierigen Themen (z. B. Krankheit oder Verlust) sollte ein Angebot zur weiteren Unterstützung gemacht werden, z. B. durch ein Gespräch, einen Hinweis auf Beratungsstellen oder einen Folgetermin.
7. Gesprächsnotizen:
Unmittelbar nach dem Interview sollten Interviewende sogenannte Gesprächsnotizen (auch: Postskriptum) anfertigen. Diese dienen dazu, Beobachtungen und Eindrücke zu dokumentieren, die durch die Tonaufzeichnung allein nicht erfasst werden können. Dazu zählen:
- Merkmale der befragten Person: äußeres Erscheinungsbild, Stimmung, gesundheitlicher Zustand
- Interviewumgebung: Raumgestaltung, Störungen oder Unterbrechungen (z. B. Telefonklingeln, Dritte im Raum)
- Gesprächsatmosphäre: Offenheit der Befragten, emotionale Momente, Spannungen
- Selbstbeobachtung der Interviewenden: eigene Verfassung, mögliche Unsicherheiten oder Einflussnahmen
- Rahmendaten: Datum, Uhrzeit, Dauer des Interviews, Ort
Diese Notizen sind nicht nur hilfreich für die spätere Interpretation der Daten, sondern auch wichtig im Hinblick auf die Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Forschung (Validität).
8. Transkription (Verschriftlichung)
Bevor ein Interview ausgewertet werden kann, muss die Tonaufnahme in schriftlicher Form vorliegen. Je nach Fragestellung und Studiendesign erfolgt dies entweder vollständig oder nur in Auszügen – in der Regel wortwörtlich („verbatim“). Die Transkription erfolgt heute meist digital mithilfe spezieller Software, die eine komfortable Wiedergabe, Zeitmarkierung und Textbearbeitung erlaubt.
Ein Transkript enthält nicht nur den gesprochenen Text, sondern kann auch wichtige paraverbale Merkmale des Gesprächsverlaufs dokumentieren – etwa Pausen, Lachen, Unterbrechungen oder Tonfall. In manchen Fällen, etwa bei knappen Ressourcen oder wenn Interviews nur eine von mehreren Datenquellen darstellen, wird auf eine vollständige Verschriftung verzichtet. Stattdessen werden ergänzende Notizen während des Abhörens angefertigt.
Wie „glatt“ ein Transkript formuliert werden darf, hängt vom Erkenntnisinteresse und dem gewählten Transkriptionssystem ab. In der Regel gilt: Lieber zu viele als zu wenige Details erfassen. Gleichzeitig ist jedoch übertriebener Perfektionismus, etwa das Messen von Pausen in Hundertstelsekunden, nur in Ausnahmefällen sinnvoll (z. B. linguistische Analysen).
Für die Transkription haben sich bestimmte formale Standards etabliert:
- Ca. 50–55 Zeichen pro Zeile
- Einfacher Zeilenabstand
- Sprecherwechsel und Themenwechsel jeweils durch Leerzeile markieren
- Sprecher durch Großbuchstaben und Doppelpunkt kennzeichnen
- Zeilen und Seiten fortlaufend nummerieren
Bei Videoaufzeichnungen, z. B. von Gruppeninterviews, ist der Aufwand ungleich höher: Hier müssen auch Mimik, Gestik, räumliche Positionen und Interaktionen beschrieben werden. Aufgrund des Zeitbedarfs werden Transkriptionen in größeren Projekten oft an geschulte Personen ausgelagert. In kleineren Studien oder Abschlussarbeiten transkribieren Forschende meist selbst – ein Vorteil, da man sich so intensiv mit dem Material vertraut macht, was die spätere Analyse deutlich erleichtert.
Zur Transkription gehören meist weitere Schritte der Datenaufbereitung, wie Anonymisierung, Materialsortierungoder die Erstellung von Datenübersichten, bevor die eigentliche qualitative Analyse beginnt.
9. Datenanalyse
Nach der Transkription beginnt die eigentliche Auswertung des Interviewmaterials. Die verschriftlichten Gespräche bilden die Grundlage für die qualitative Datenanalyse. Dabei kommen unterschiedliche methodisch fundierte Verfahren zum Einsatz – beispielsweise die qualitative Inhaltsanalyse, abhängig von Fragestellung und Forschungsdesign.
Gerade bei größeren Interviewstudien kann die qualitative Analyse punktuell durch einfache quantitative Auswertungen ergänzt werden. Etwa, indem angegeben wird, wie viele der Befragten eine bestimmte Haltung äußerten oder eine spezifische Erfahrung teilten. Die Aussagekraft solcher Häufigkeitsangaben hängt jedoch stark von der Stichprobenstrategie ab und ist nicht mit der Repräsentativität quantitativer Erhebungen gleichzusetzen.
Für die systematische Analyse bieten sich Softwarelösungen wie MAXQDA oder ATLAS.ti an. Diese Programme unterstützen das Kodieren, Strukturieren und Interpretieren großer Textmengen. Wichtig ist, dass die Analyse nicht auf das bloße Herausgreifen einzelner Zitate reduziert wird – ein solches Vorgehen widerspricht wissenschaftlichen Standards. Stattdessen bedarf es eines methodengeleiteten Vorgehens mit nachvollziehbaren Regeln und dokumentierten Entscheidungsschritten.
Ein zentrales Prinzip in der qualitativen Forschung ist die Zirkularität: Datenerhebung und Auswertung verlaufen nicht streng linear, sondern in mehreren Reflexions- und Analysekreisen. Erkenntnisse aus der laufenden Analyse können dazu führen, dass neue Fälle gezielt ausgewählt oder Interviewleitfäden angepasst werden
10. Archivierung des Materials
Die gesammelten Materialien müssen sicher aufbewahrt werden – digital gut geschützt oder in verschlossenen Schränken. Dazu gehören: Audio- und Videoaufzeichnungen, Transkripte, Postskript, Fragebögen und Einverständniserklärungen. Alle persönlichen Daten müssen anonymisiert werden, sodass keine Rückschlüsse auf die Teilnehmenden möglich sind. Wenn Interviews für zukünftige Studien oder die Lehre genutzt werden sollen, muss dies ebenfalls klar geregelt sein. Anonymisierte Daten können später in Forschungsdatenbanken eingestellt werden, damit andere Forschende im Rahmen von Sekundäranalysen damit weiterarbeiten können.

Narratives Interview
Das narrative Interview ist eine Form des unstrukturierten Interviews, bei dem die befragte Person möglichst frei über ihre eigenen Erfahrungen erzählen kann – ohne starre Vorgaben oder festgelegte Fragen. Gerade im Gesundheitswesen ist diese Methode besonders wertvoll, da sie tiefe Einblicke in individuelle Krankheitsverläufe, Behandlungserfahrungen oder den Umgang mit Belastungssituationen ermöglicht.
Ablauf eines narrativen Interviews
Ein narratives Interview verläuft typischerweise in fünf Phasen, die sich an der Erzählstruktur der befragten Person orientieren und nicht an einem festen Fragenkatalog:
Erklärungsphase
Die Interviewenden erläutern zu Beginn kurz Ziel und Ablauf des Gesprächs. Es wird betont, dass es kein „Richtig“ oder „Falsch“ gibt und die befragte Person frei erzählen darf.
Einleitungsphase
Ein gezielter Erzählanstoß lädt zum freien Erzählen ein, zum Beispiel bezogen auf die Krankengeschichte oder berufliche Erfahrungen im Pflegealltag:
„Frau M., erzählen Sie doch bitte, wie Sie die Zeit nach Ihrer Krebsdiagnose erlebt haben.“
Solche Aufforderungen beziehen sich auf persönliche Erlebnisse, nicht auf Meinungen. Sie ermöglichen, dass die befragte Person dort beginnt, wo es für sie bedeutsam ist.
Erzählphase
Die Hauptphase des Interviews: Die befragte Person erzählt ihre Geschichte möglichst zusammenhängend. Nach dem Erzählanstoß übergibt die interviewende Person bewusst das Wort – sie greift nur zurückhaltend ein. So entstehen Erzählungen, die aus der Sicht der Befragten strukturiert sind: Die Interviewten entscheiden selbst, was für sie wichtig ist, in welcher Reihenfolge sie berichten und welche Aspekte sie vertiefen möchten.
Die Interviewenden hören aktiv zu, unterbrechen nicht und schaffen eine wertschätzende Atmosphäre. Auch Pausen sind erlaubt – sie können Raum für Vertiefung geben.
In dieser Phase treten oft Erzählzwänge auf, d.h. innere Impulse, die dazu führen, dass die Befragten von selbst ergänzen, klären oder ordnen. Es können folgende Erzählzwange im narrativen Interview unterschieden werden:
Detaillierungszwang: Bestimmte Ereignisse werden nachträglich noch ergänzt, um sie verständlicher zu machen („Ach, was ich noch sagen wollte, das Gespräch mit der Pflegekraft war damals ganz entscheidend …“)
Gestaltschließungszwang: Offene oder unfertige Geschichten werden „zu Ende“ erzählt („Ich sollte vielleicht noch erzählen, wie es dann in der Reha weiterging…“)
Zwang zur zur Kondensierung und Relevanzfestlegung: Nur das als wichtig empfundene wird erzählt und Nebensächliches wird ausgelassen („Ich lasse mal alles andere weg und erzähle nur, was mit der Chemo war…“)
Diese Erzählimpulse liefern oft mehr Informationen als gezieltes Nachfragen – vor allem bei sensiblen Themen wie Krankheit, Belastung oder Unsicherheit.
Nachfragephase
Nachdem die befragte Person signalisiert, dass sie ihre Geschichte beendet hat, können klärende Nachfragen gestellt werden, z.B. zu offenen Punkten, Details oder Widersprüchen. Wichtig: Die Offenheit des Gesprächs soll gewahrt bleiben.
Bilanzierungsphase
Zum Schluss wird die befragte Person durch gezielte Fragen dazu eingeladen, ihre Geschichte zu reflektieren und zu bewerten, zum Beispiel: „Welche Auswirkungen hatten diese Erlebnisse auf Ihr weiteres Leben?“ Dabei ist es wichtig, dass diese Fragen nicht als Druck empfunden werden oder die Befragten in Rechtfertigungszwang bringen.
Einsatzbereiche narrativer Interviews im Gesundheitswesen
Narrative Interviews eignen sich besonders, wenn individuelle Krankheitsbiografien, lebensverändernde Erfahrungen oder subjektive Verarbeitungsprozesse im Vordergrund stehen. Typische Einsatzbereiche im Gesundheitswesen sind:
- Erhebung von Krankheitsverläufen: Wie erleben Menschen ihre Diagnose, Therapie oder Rehabilitation? Welche Stationen, Wendepunkte oder Belastungen prägten ihren Weg?
- Verarbeitung von chronischen Erkrankungen oder Krisen: Wie verändert eine Erkrankung den Alltag, das Selbstbild oder die Beziehungen? Wie gehen Menschen mit Einschränkungen um?
- Berufliche Biografien von Gesundheitsfachkräften: Wie erleben Pflegekräfte oder Therapeut:innen den Berufseinstieg oder Veränderungen und Belastungen im Arbeitsalltag?
Leitfadeninterview
Das Leitfadeninterview ist eine häufig genutzte Methode in der qualitativen Forschung, besonders dann, wenn bestimmte Themen systematisch behandelt werden sollen, ohne die Offenheit des Gesprächs zu verlieren. Es wird auch als halbstrukturiertes Interview bezeichnet, da es auf einem Interviewleitfaden basiert, aber dennoch Raum für individuelle Erzählungen lässt.
Der Interviewleitfaden besteht aus offenen Fragen zu zentralen Themenbereichen. Diese dienen als inhaltliches Gerüst und sorgen für Vergleichbarkeit zwischen mehreren Interviews – ohne die Gesprächspartner:innen auf starre Antwortvorgaben festzulegen. Die Reihenfolge der Fragen kann angepasst, der Wortlaut flexibel formuliert und bei Bedarf durch spontane Nachfragen ergänzt werden. Dadurch bleibt die Struktur erhalten, während gleichzeitig persönliche Sichtweisen und subjektive Erfahrungen vertieft werden können.
Diese Interviewform eignet sich besonders, wenn bereits Vorkenntnisse über ein Thema bestehen – etwa durch eine Vorstudie, Literaturrecherche oder praktische Beobachtungen – und nun gezielt bestimmte Aspekte vertieftwerden sollen. Im Gesundheitswesen kann dies zum Beispiel bedeuten, dass nach einer Patientenbefragung nun spezifischere Erfahrungen mit Pflegepersonal, Therapieverläufen oder interprofessioneller Zusammenarbeit erhoben werden.
Typischerweise beginnt ein Leitfadeninterview mit allgemeinen Angaben zur Person (z. B. Alter, Ausbildung, Beruf), gefolgt von breit angelegten Fragen zum Thema. Im weiteren Verlauf wird das Gespräch spezifischer. Sensible oder intime Fragen werden meist ans Ende gestellt, um Störungen des Gesprächsverlaufs zu vermeiden.
Damit ein Leitfadeninterview gelingt, ist eine gründliche Vorbereitung wichtig: Der Interviewleitfaden sollte vorab im Rahmen von Probeinterviews (Pretest) getestet und ggf. überarbeitet werden – z. B. hinsichtlich Verständlichkeit und Vollständigkeit der Fragen oder Gesprächsdauer. Auch die Interviewer:innen müssen gut geschult sein, um sicher mit dem Leitfaden umgehen zu können und gleichzeitig eine wertschätzende Gesprächsatmosphäre zu schaffen.
Je nach Fragestellung umfasst ein Leitfaden meist 8 bis 15 Fragen auf 1–2 Seiten. Diese gliedern sich in Hauptfragen und Differenzierungsfragen, die mündlich oder stichpunktartig notiert sein können. Hauptfragen regen zu umfassenden Erzählungen an, während Differenzierungsfragen gezielt bestimmte Inhalte detaillierter beleuchten – z. B. Gefühle, Reaktionen, Veränderungen oder Handlungsentscheidungen. Falls demografische Angaben zu Beginn nicht vollständig erhoben wurden, können sie am Ende des Interviews ergänzt werden – auch über einen kurzen Fragebogen. Besonders bei persönlichen Daten gilt das Prinzip der Datensparsamkeit.
Leitfadeninterviews dauern in der Regel zwischen 1-2 Stunden. Dabei ist zu beachten, dass der zeitliche Aufwand nicht mit dem Interview endet: Für eine Stunde Gespräch fallen je nach Sprechtempo und Detailgrad der Transkription etwa 5 bis 10 Stunden für die Verschriftlichung an. Dieser Arbeitsaufwand sollte bei der Planung unbedingt berücksichtigt werden.
Typische Stichprobengrößen bei Studien mit Leitfadeninterviews liegen zwischen 10 und 20 Personen. In größeren qualitativen Forschungsprojekten – etwa bei Evaluationsstudien oder Studien mit mehreren Teilgruppen – können es jedoch auch deutlich mehr Befragte sein, teilweise über 100 bis 200 Personen. Wichtig ist dabei immer die inhaltliche Sättigung: Die Anzahl der Interviews richtet sich danach, ob neue Gespräche tatsächlich noch neue Erkenntnisse bringen.
Einsatzbereiche von Leitfadeninterviews im Gesundheitswesen
Leitfadeninterviews sind besonders geeignet, wenn bestimmte Themen gezielt und vergleichbar erfragt werden sollen, beispielsweise zur Qualitätssicherung, zur Bedarfsanalyse oder zur Evaluation von Maßnahmen. Typische Einsatzbereiche im Gesundheitswesen sind:
- Patient:innenperspektiven erfassen: Systematische Befragung zu Erfahrungen mit Diagnostik, Behandlung, Pflege oder Kommunikation , z. B. in der stationären oder ambulanten Versorgung
- Evaluation von Gesundheitsangeboten: Einschätzungen zu Präventionsprogrammen, Rehabilitationsmaßnahmen oder Schulungsangeboten, z. B. was gut funktioniert, wo Hürden liegen, was verbessert werden sollte
- Berufsbezogene Belastungen und Herausforderungen: Interviews mit Pflegekräften, MFA, Therapeut:innen oder Ärzt:innen zu Themen wie Arbeitsbelastung, Teamkommunikation, ethische Dilemmata oder Umgang mit Stress
- Qualitätsentwicklung in Einrichtungen: Leitfadeninterviews als Methode der internen Reflexion und Verbesserung, z. B. bei der Einführung neuer Abläufe oder Maßnahmen zur Patientensicherheit
- Vergleich von Meinungen oder Einschätzungen zu bestimmten Themen: Einstellungen gegenüber digitalen Anwendungen, Impfungen oder neuen Arbeitsmodellen
Varianten von Leitfadeninterviews
Es können 5 Varianten von Leitfadeninterviews unterschieden werden, die im Folgenden näher erläutert werden:
Telefonisches Leitfadeninterview
- Geeignet bei räumlicher Distanz oder wenn persönliche Treffen nicht möglich sind (z. B. in der Pandemie oder bei ländlicher Streuung)
- Bietet Anonymität, was hilfreich sein kann bei sensiblen Themen wie psychischer Gesundheit oder sexueller Gesundheit
- Reduziert unbewusste Vorurteile, da das äußere Erscheinungsbild keine Rolle spielt
- Höhere persönliche Sicherheit, z.B. bei sozialer Angst oder Interviews in Krisengebieten
- Geringere Kosten und flexiblere Terminmöglichkeiten
- Einschränkungen: keine nonverbalen Hinweise, Interviews oft kürzer, häufiger Klärungsbedarf durch Rückfragen
Online-Leitfadeninterview
- Durchführbar z. B. per Chat, E-Mail oder Videocall
- Besonders geeignet, wenn Zielgruppen vor allem digital erreichbar sind (z. B. jüngere Patient:innen oder Fachpersonen in Online-Netzwerken).
- Vorteilhaft bei heiklen Themen (z. B. Stigmatisierung, Essstörungen), da schriftlich geführte Online-Interviews mehr Distanz und Privatsphäre bieten als persönliche oder telefonische Gespräche
- Vorteil: Geringer logistischer Aufwand, Interviewäußerungen liegen direkt digital vor, keine Transkription notwendig
- Nachteil: Identität der Befragten schwer überprüfbar, technische Voraussetzungen müssen gegeben sein, Online-Interviewende sollten im Umgang mit computervermittelter Kommunikation geschult sein
Experteninterview
- Befragung von Fachpersonen wie Ärzt:innen, Pflegeleitungen oder Gesundheitswissenschaftler:innen – nicht als Betroffene, sondern als Expert:innen für ein spezifisches Thema
- Ziel: Erfassung von strukturellem Fachwissen (z.B. Kenntnisse über rechtliche Rahmenbedingungen in der ambulanten Pflege) oder Praxis- und Handlungswissen (z.B. Erfahrungen im Umgang mit digitaler Dokumentation auf Station) zu bestimmten Problemlagen (z. B. Versorgungslücken, Digitalisierung, ethische Fragen)
- Interviewende müssen gut vorbereitet sein: Entweder treten sie als Co-Expert:innen auf, um inhaltlich auf Augenhöhe zu diskutieren oder bewusst als Laien, um einfachere und anschauliche Erklärungen anzuregen
- Der Expertenstatus sollte nachvollziehbar begründet werden, z.B. durch formale Qualifikation, Berufserfahrung oder eine besondere Funktion im Gesundheitssystem
- Einschränkungen: Expert:innen sind oft schwer erreichbar; Rekrutierung erfordert deshalb flexible Planung (z.B. über Schneeballverfahren) und starke Orientierung an deren zeitlichen und organisatorischen Präferenzen (z.B. gewünschter Interviewort, -zeit oder -modus)
Problemzentriertes Interview
- Ziel: Erhebung subjektiver Sichtweisen zu einem gesellschaftlich oder beruflich relevanten Thema, eingebettet in den biografischen Kontext der befragten Person
- Balance zwischen Offenheit und Struktur: Verbindet offene Erzählphasen mit einem thematisch ausgerichteten Leitfaden
- Einstieg über Erzählanstoß: Gesprächsbeginn mit einer offenen, biografiebezogenen Frage, z. B. „Wie sind Sie damals in die Pflege eingestiegen?“
- Nachfragen in zwei Formen:
- Erzählungsgenerierende Nachfragen zur Vertiefung persönlicher Erfahrungen
- Verständnisgenerierende Nachfragen zur Klärung unklarer Aussagen
- Leitfaden als Ergänzung: Aspekte, die in der freien Erzählung nicht vorkamen, werden gezielt eingebracht, ohne starre Frageabfolge
- Zusätzliche Datenerhebung möglich: Kurzer Fragebogen zu soziodemografischen Angaben vor dem Interview (z. B. Alter, Beruf, Ausbildung)
- Geeignet für komplexe Themen im Gesundheitswesen: z. B. Umgang mit chronischer Belastung, Erfahrungen mit Pflegewandel oder subjektive Einschätzungen zu Versorgungslücken
Fokussiertes Interview
- Ziel: Erhebung von Reaktionen, Gedanken und Gefühlen zu einem bestimmten Medium oder Objekt (z. B. Schulungsvideo, Aufklärungsbroschüre, App)
- Ablauf: Das zu bewertende Material wird im Interviewverlauf gezeigt oder vorab bereitgestellt. Die Befragten werden eingeladen, ihre spontanen Eindrücke zu schildern und bestimmte Stellen genauer zu kommentieren
- Vorbereitung: Vor dem Interview sollte das fokussierte Objekt inhaltlich analysiert und es sollten Hypothesen über Wirkung und Bedeutung einzelner Elemente abgeleitet werden. Auf dieser Basis wird ein Interviewleitfaden erstellt, sodass bereits während des Interviews geprüft werden kann, ob die Äußerungen der Befragten die Hypothesen eher bestätigen oder widerlegen und weche neuen Erklärungsbeiträge die Interviewäußerungen liefern
- Rolle der Interviewenden: Interviewende sollten zwar Leitfaden nutzen, aber sensibel für emotionale oder unerwartete Reaktionen sein und ausreichend Raum für persönliche Interpretationen lassen
- Einsatz von Fragen zur „retrospektiven Introspektion“ (z.B. „Wenn Sie zurückdenken, was war Ihre erste Reaktion auf diese Szene?“
- Anwendungsbeispiel im Gesundheitswesen: Evaluation von Patientenaufklärung, z.B. „Wie verständlich oder hilfreich wird ein Video zur Medikamenteneinnahme oder ein Flyer zur Darmkrebsvorsorge wahrgenommen?“

Ausblick
In dieser Lerneinheit stand das Interview als eine zentrale Methode der qualitativen Datenerhebung im Fokus. Verschiedene Interviewformen – vom narrativen Interview über das Leitfadeninterview bis hin zu spezialisierten Varianten wie dem Experten- oder dem fokussierten Interview – wurden vorgestellt. Deutlich wurde dabei, wie vielfältig Interviews im Gesundheitswesen einsetzbar sind, um subjektive Sichtweisen, fachliche Einschätzungen oder Reaktionen auf konkrete Materialien zu erfassen.
In der nächsten Lerneinheit steht eine weitere Erhebungsmethode im Mittelpunkt: die Fokusgruppendiskussion. Sie eignet sich besonders dann, wenn nicht nur einzelne Stimmen gehört, sondern der Austausch zwischen mehreren Personen beobachtet werden soll.


Kontakt: dimruhr@uni-wh.de
Website: https://dim-ruhr.de
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (CC BY 4.0) .
Universität Witten/Herdecke, Projekt DIM-Ruhr