Interview

Das Einzelinterview ist eine der am hĂ€ufigsten eingesetzten Methoden in der qualitativen Forschung. Es bietet Raum fĂŒr persönliche ErzĂ€hlungen, Erfahrungen und Sichtweisen. Interviews können unterschiedlich stark strukturiert sein:

  • Narrative Interviews: sehr offen, laden dazu ein, Erlebnisse frei zu erzĂ€hlen („ErzĂ€hlen Sie bitte, wie Sie Ihre Diagnose erlebt haben.“)
  • Leitfadeninterviews: halbstrukturiert, mit vorbereiteten Fragen, die flexibel eingesetzt werden können

Qualitative Interviews zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht strikt vorstrukturiert sind und die Befragten das GesprĂ€ch maßgeblich mitgestalten können. Dabei kommen hĂ€ufig offene Fragen zum Einsatz, die ausfĂŒhrliche und individuelle Antworten ermöglichen. Die Interviewenden agieren nicht nur als Fragesteller, sondern als aktive Erhebungsinstrumente, indem sie RĂŒckfragen stellen, nonverbale Signale wahrnehmen und das GesprĂ€ch situativ lenken. Diese FlexibilitĂ€t erlaubt eine tiefgehende Exploration der subjektiven Perspektiven und neue, spontane Fragestellungen im Verlauf des Interviews.

Typische Einsatzbereiche im Gesundheitswesen:

  • GesprĂ€che mit Patient:innen ĂŒber ihren Behandlungsverlauf
  • Interviews mit Pflegefachpersonen zu ethischen Dilemmata
  • Befragungen von Angehörigen zu Erfahrungen mit der Versorgung

Ablauf eines qualitativen Interviews

Der Ablauf einer qualitativen Interviewstudie umfasst mehrere Schritte:

1. Inhaltliche Vorbereitung

Bevor Interviews gefĂŒhrt werden, muss das Thema der Studie genau festgelegt werden. Es wird ein Interviewleitfaden entwickelt, mit offenen Fragen, die den Teilnehmenden Raum geben, frei ĂŒber ihre Erfahrungen zu sprechen. Interviewer:innen sollten gut vorbereitet und geschult sein – z. B. durch Übungsinterviews oder Rollenspiele. Auch die Technik muss funktionieren: AufnahmegerĂ€te, Batterien und Speichermedien sollten bereitliegen. Wichtig ist außerdem, dass die Teilnehmenden ĂŒber die Studie informiert werden, ihre Zustimmung geben und ihre Daten vertraulich behandelt werden (s. Kap. 5 „Informierte Einwilligung).

2. Auswahl der Teilnehmenden (Rekrutierung)

Je nach Fragestellung werden gezielt Menschen gesucht, die bestimmte Merkmale mitbringen (z. B. bestimmte Berufe, Altersgruppen oder Krankheitserfahrungen). Ziel ist es, möglichst unterschiedliche Sichtweisen zu sammeln. Die Teilnehmenden können ĂŒber persönliche Kontakte, AushĂ€nge oder Online-Plattformen angesprochen werden. Da es zu Absagen kommen kann, wird meist eine großzĂŒgige Anzahl an potenziellen Befragten rekrutiert. Falls nötig, erfolgt eine Nachrekrutierung, bis die gewĂŒnschte StichprobengrĂ¶ĂŸe erreicht ist oder im Verlauf der Interviews eine sogenannte inhaltliche SĂ€ttigung eingetreten ist – das heißt, neue GesprĂ€che bringen keine wesentlichen neuen Erkenntnisse mehr.

3. Start des Interviews

Das GesprĂ€ch beginnt mit einer kurzen Vorstellung und etwas Smalltalk, um eine angenehme AtmosphĂ€re zu schaffen. Bevor das eigentliche Interview startet, wird der Zweck der Studie erlĂ€utert, der Ablauf erklĂ€rt und offene Fragen geklĂ€rt. Ein zentraler Punkt ist zudem das Einholen der informierten Einwilligung (informed consent). Die Befragten mĂŒssen wissen, wozu ihre Aussagen verwendet werden, wie mit den Daten umgegangen wird und welche Rechte sie haben. In der Regel wird das GesprĂ€ch aufgenommen. Vor Beginn sollte das AufnahmegerĂ€t getestet werden, um technische Probleme zu vermeiden. Die QualitĂ€t der Aufnahme ist entscheidend fĂŒr die spĂ€tere Transkription und Analyse.

4.DurchfĂŒhrung der Interviews

WĂ€hrend des Interviews liegt die Hauptverantwortung bei der Interviewperson. Sie steuert den GesprĂ€chsverlauf, achtet aufmerksam auf verbale und nonverbale Reaktionen und sorgt dafĂŒr, dass das GesprĂ€ch beim Thema bleibt. Auch wenn ein Leitfaden Orientierung bietet, sind Interviewende oft gefordert, spontan vertiefende oder klĂ€rende Fragen zu stellen. Dabei ist FingerspitzengefĂŒhl gefragt: Fragen sollten so formuliert werden, dass sie keine wertenden Untertöne enthalten oder Befragte in eine bestimmte Richtung lenken. Besonders sensible Themen können – je nach Dynamik des GesprĂ€chs – ans Ende verschoben werden (s. „Fragen richtig formulieren – worauf kommt es bei qualitativen Interviews an?). Die GesprĂ€chsfĂŒhrung soll weder zu streng noch zu locker sein – eine gute Balance ist wichtig, damit die Teilnehmenden sich wohl fĂŒhlen und gleichzeitig beim Thema bleiben.

5. GesprÀchsende

Oft entsteht nach dem eigentlichen Interview ein lockeres, informelles GesprĂ€ch. Manchmal sagen die Teilnehmenden dabei noch wichtige Dinge, die sie im formellen Teil nicht erwĂ€hnt haben. Interviewende sollten daher auch nach dem formalen Abschluss aufmerksam bleiben. Es empfiehlt sich, das AufnahmegerĂ€t nicht vorschnell auszuschalten oder – falls dies bereits geschehen ist – zumindest wesentliche Inhalte des NachgesprĂ€chs schriftlich zu dokumentieren. – aber nur verwendet werden, wenn die Teilnehmenden ausdrĂŒcklich zustimmen. Je nach Studie kann im Anschluss ein kurzer Fragebogen zu persönlichen Daten (Alter, Beruf usw.) oder psychometrischen Tests ausgeteilt werden.

6. Verabschiedung

Zum Schluss erhalten die Teilnehmenden ein Dankeschön und – falls vorhanden – Materialien ĂŒber das Forschungsprojekt oder eine Visitenkarte. Wenn gewĂŒnscht, kann eine spĂ€tere RĂŒckmeldung zu den Ergebnissen angeboten werden. Bei schwierigen Themen (z. B. Krankheit oder Verlust) sollte ein Angebot zur weiteren UnterstĂŒtzung gemacht werden, z. B. durch ein GesprĂ€ch, einen Hinweis auf Beratungsstellen oder einen Folgetermin.

7. GesprÀchsnotizen:

Unmittelbar nach dem Interview sollten Interviewende sogenannte GesprĂ€chsnotizen (auch: Postskriptum) anfertigen. Diese dienen dazu, Beobachtungen und EindrĂŒcke zu dokumentieren, die durch die Tonaufzeichnung allein nicht erfasst werden können. Dazu zĂ€hlen:

  • Merkmale der befragten Person: Ă€ußeres Erscheinungsbild, Stimmung, gesundheitlicher Zustand
  • Interviewumgebung: Raumgestaltung, Störungen oder Unterbrechungen (z. B. Telefonklingeln, Dritte im Raum)
  • GesprĂ€chsatmosphĂ€re: Offenheit der Befragten, emotionale Momente, Spannungen
  • Selbstbeobachtung der Interviewenden: eigene Verfassung, mögliche Unsicherheiten oder Einflussnahmen
  • Rahmendaten: Datum, Uhrzeit, Dauer des Interviews, Ort

Diese Notizen sind nicht nur hilfreich fĂŒr die spĂ€tere Interpretation der Daten, sondern auch wichtig im Hinblick auf die Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Forschung (ValiditĂ€t). 

8. Transkription (Verschriftlichung)

Bevor ein Interview ausgewertet werden kann, muss die Tonaufnahme in schriftlicher Form vorliegen. Je nach Fragestellung und Studiendesign erfolgt dies entweder vollstĂ€ndig oder nur in AuszĂŒgen – in der Regel wortwörtlich („verbatim“). Die Transkription erfolgt heute meist digital mithilfe spezieller Software, die eine komfortable Wiedergabe, Zeitmarkierung und Textbearbeitung erlaubt.

Ein Transkript enthĂ€lt nicht nur den gesprochenen Text, sondern kann auch wichtige paraverbale Merkmale des GesprĂ€chsverlaufs dokumentieren – etwa Pausen, Lachen, Unterbrechungen oder Tonfall. In manchen FĂ€llen, etwa bei knappen Ressourcen oder wenn Interviews nur eine von mehreren Datenquellen darstellen, wird auf eine vollstĂ€ndige Verschriftung verzichtet. Stattdessen werden ergĂ€nzende Notizen wĂ€hrend des Abhörens angefertigt.

Wie „glatt“ ein Transkript formuliert werden darf, hĂ€ngt vom Erkenntnisinteresse und dem gewĂ€hlten Transkriptionssystem ab. In der Regel gilt: Lieber zu viele als zu wenige Details erfassen. Gleichzeitig ist jedoch ĂŒbertriebener Perfektionismus, etwa das Messen von Pausen in Hundertstelsekunden, nur in AusnahmefĂ€llen sinnvoll (z. B. linguistische Analysen).

FĂŒr die Transkription haben sich bestimmte formale Standards etabliert:

  • Ca. 50–55 Zeichen pro Zeile
  • Einfacher Zeilenabstand
  • Sprecherwechsel und Themenwechsel jeweils durch Leerzeile markieren
  • Sprecher durch Großbuchstaben und Doppelpunkt kennzeichnen
  • Zeilen und Seiten fortlaufend nummerieren

Bei Videoaufzeichnungen, z. B. von Gruppeninterviews, ist der Aufwand ungleich höher: Hier mĂŒssen auch Mimik, Gestik, rĂ€umliche Positionen und Interaktionen beschrieben werden. Aufgrund des Zeitbedarfs werden Transkriptionen in grĂ¶ĂŸeren Projekten oft an geschulte Personen ausgelagert. In kleineren Studien oder Abschlussarbeiten transkribieren Forschende meist selbst – ein Vorteil, da man sich so intensiv mit dem Material vertraut macht, was die spĂ€tere Analyse deutlich erleichtert.

Zur Transkription gehören meist weitere Schritte der Datenaufbereitung, wie Anonymisierung, Materialsortierungoder die Erstellung von DatenĂŒbersichten, bevor die eigentliche qualitative Analyse beginnt.

9. Datenanalyse

Nach der Transkription beginnt die eigentliche Auswertung des Interviewmaterials. Die verschriftlichten GesprĂ€che bilden die Grundlage fĂŒr die qualitative Datenanalyse. Dabei kommen unterschiedliche methodisch fundierte Verfahren zum Einsatz – beispielsweise die qualitative Inhaltsanalyse, abhĂ€ngig von Fragestellung und Forschungsdesign. 

Gerade bei grĂ¶ĂŸeren Interviewstudien kann die qualitative Analyse punktuell durch einfache quantitative Auswertungen ergĂ€nzt werden. Etwa, indem angegeben wird, wie viele der Befragten eine bestimmte Haltung Ă€ußerten oder eine spezifische Erfahrung teilten. Die Aussagekraft solcher HĂ€ufigkeitsangaben hĂ€ngt jedoch stark von der Stichprobenstrategie ab und ist nicht mit der ReprĂ€sentativitĂ€t quantitativer Erhebungen gleichzusetzen.

 FĂŒr die systematische Analyse bieten sich Softwarelösungen wie MAXQDA oder ATLAS.ti an. Diese Programme unterstĂŒtzen das Kodieren, Strukturieren und Interpretieren großer Textmengen. Wichtig ist, dass die Analyse nicht auf das bloße Herausgreifen einzelner Zitate reduziert wird – ein solches Vorgehen widerspricht wissenschaftlichen Standards. Stattdessen bedarf es eines methodengeleiteten Vorgehens mit nachvollziehbaren Regeln und dokumentierten Entscheidungsschritten.

Ein zentrales Prinzip in der qualitativen Forschung ist die ZirkularitĂ€t: Datenerhebung und Auswertung verlaufen nicht streng linear, sondern in mehreren Reflexions- und Analysekreisen. Erkenntnisse aus der laufenden Analyse können dazu fĂŒhren, dass neue FĂ€lle gezielt ausgewĂ€hlt oder InterviewleitfĂ€den angepasst werden

10. Archivierung des Materials

Die gesammelten Materialien mĂŒssen sicher aufbewahrt werden – digital gut geschĂŒtzt oder in verschlossenen SchrĂ€nken. Dazu gehören: Audio- und Videoaufzeichnungen, Transkripte, Postskript, Fragebögen und EinverstĂ€ndniserklĂ€rungen. Alle persönlichen Daten mĂŒssen anonymisiert werden, sodass keine RĂŒckschlĂŒsse auf die Teilnehmenden möglich sind. Wenn Interviews fĂŒr zukĂŒnftige Studien oder die Lehre genutzt werden sollen, muss dies ebenfalls klar geregelt sein. Anonymisierte Daten können spĂ€ter in Forschungsdatenbanken eingestellt werden, damit andere Forschende im Rahmen von SekundĂ€ranalysen damit weiterarbeiten können.

 Fragen richtig formulieren - worauf kommt es bei qualitativen Interviews an?

Narratives Interview

Das narrative Interview ist eine Form des unstrukturierten Interviews, bei dem die befragte Person möglichst frei ĂŒber ihre eigenen Erfahrungen erzĂ€hlen kann – ohne starre Vorgaben oder festgelegte Fragen. Gerade im Gesundheitswesen ist diese Methode besonders wertvoll, da sie tiefe Einblicke in individuelle KrankheitsverlĂ€ufe, Behandlungserfahrungen oder den Umgang mit Belastungssituationen ermöglicht.

Ablauf eines narrativen Interviews

Ein narratives Interview verlĂ€uft typischerweise in fĂŒnf Phasen, die sich an der ErzĂ€hlstruktur der befragten Person orientieren und nicht an einem festen Fragenkatalog:

ErklÀrungsphase

Die Interviewenden erlĂ€utern zu Beginn kurz Ziel und Ablauf des GesprĂ€chs. Es wird betont, dass es kein „Richtig“ oder „Falsch“ gibt und die befragte Person frei erzĂ€hlen darf.

Einleitungsphase

Ein gezielter ErzĂ€hlanstoß lĂ€dt zum freien ErzĂ€hlen ein, zum Beispiel bezogen auf die Krankengeschichte oder berufliche Erfahrungen im Pflegealltag:
„Frau M., erzĂ€hlen Sie doch bitte, wie Sie die Zeit nach Ihrer Krebsdiagnose erlebt haben.“
Solche Aufforderungen beziehen sich auf persönliche Erlebnisse, nicht auf Meinungen. Sie ermöglichen, dass die befragte Person dort beginnt, wo es fĂŒr sie bedeutsam ist.

ErzÀhlphase

Die Hauptphase des Interviews: Die befragte Person erzĂ€hlt ihre Geschichte möglichst zusammenhĂ€ngend. Nach dem ErzĂ€hlanstoß ĂŒbergibt die interviewende Person bewusst das Wort – sie greift nur zurĂŒckhaltend ein. So entstehen ErzĂ€hlungen, die aus der Sicht der Befragten strukturiert sind: Die Interviewten entscheiden selbst, was fĂŒr sie wichtig ist, in welcher Reihenfolge sie berichten und welche Aspekte sie vertiefen möchten.

Die Interviewenden hören aktiv zu, unterbrechen nicht und schaffen eine wertschĂ€tzende AtmosphĂ€re. Auch Pausen sind erlaubt – sie können Raum fĂŒr Vertiefung geben.

In dieser Phase treten oft ErzĂ€hlzwĂ€nge auf, d.h. innere Impulse, die dazu fĂŒhren, dass die Befragten von selbst ergĂ€nzen, klĂ€ren oder ordnen. Es können folgende ErzĂ€hlzwange im narrativen Interview unterschieden werden:

Detaillierungszwang: Bestimmte Ereignisse werden nachtrĂ€glich noch ergĂ€nzt, um sie verstĂ€ndlicher zu machen („Ach, was ich noch sagen wollte, das GesprĂ€ch mit der Pflegekraft war damals ganz entscheidend 
“)

Gestaltschließungszwang: Offene oder unfertige Geschichten werden „zu Ende“ erzĂ€hlt („Ich sollte vielleicht noch erzĂ€hlen, wie es dann in der Reha weiterging
“)

Zwang zur zur Kondensierung und Relevanzfestlegung: Nur das als wichtig empfundene wird erzĂ€hlt und NebensĂ€chliches wird ausgelassen („Ich lasse mal alles andere weg und erzĂ€hle nur, was mit der Chemo war
“)

Diese ErzĂ€hlimpulse liefern oft mehr Informationen als gezieltes Nachfragen – vor allem bei sensiblen Themen wie Krankheit, Belastung oder Unsicherheit.

Nachfragephase

Nachdem die befragte Person signalisiert, dass sie ihre Geschichte beendet hat, können klĂ€rende Nachfragen gestellt werden, z.B. zu offenen Punkten, Details oder WidersprĂŒchen. Wichtig: Die Offenheit des GesprĂ€chs soll gewahrt bleiben.

Bilanzierungsphase

Zum Schluss wird die befragte Person durch gezielte Fragen dazu eingeladen, ihre Geschichte zu reflektieren und zu bewerten, zum Beispiel: „Welche Auswirkungen hatten diese Erlebnisse auf Ihr weiteres Leben?“ Dabei ist es wichtig, dass diese Fragen nicht als Druck empfunden werden oder die Befragten in Rechtfertigungszwang bringen. 

Einsatzbereiche narrativer Interviews im Gesundheitswesen

Narrative Interviews eignen sich besonders, wenn individuelle Krankheitsbiografien, lebensverÀndernde Erfahrungen oder subjektive Verarbeitungsprozesse im Vordergrund stehen. Typische Einsatzbereiche im Gesundheitswesen sind: 

  • Erhebung von KrankheitsverlĂ€ufen: Wie erleben Menschen ihre Diagnose, Therapie oder Rehabilitation? Welche Stationen, Wendepunkte oder Belastungen prĂ€gten ihren Weg?
  • Verarbeitung von chronischen Erkrankungen oder Krisen: Wie verĂ€ndert eine Erkrankung den Alltag, das Selbstbild oder die Beziehungen? Wie gehen Menschen mit EinschrĂ€nkungen um?
  • Berufliche Biografien von GesundheitsfachkrĂ€ften: Wie erleben PflegekrĂ€fte oder Therapeut:innen den Berufseinstieg oder VerĂ€nderungen und Belastungen im Arbeitsalltag?

 

Leitfadeninterview

Das Leitfadeninterview ist eine hĂ€ufig genutzte Methode in der qualitativen Forschung, besonders dann, wenn bestimmte Themen systematisch behandelt werden sollen, ohne die Offenheit des GesprĂ€chs zu verlieren. Es wird auch als halbstrukturiertes Interview bezeichnet, da es auf einem Interviewleitfaden basiert, aber dennoch Raum fĂŒr individuelle ErzĂ€hlungen lĂ€sst.

Der Interviewleitfaden besteht aus offenen Fragen zu zentralen Themenbereichen. Diese dienen als inhaltliches GerĂŒst und sorgen fĂŒr Vergleichbarkeit zwischen mehreren Interviews – ohne die GesprĂ€chspartner:innen auf starre Antwortvorgaben festzulegen. Die Reihenfolge der Fragen kann angepasst, der Wortlaut flexibel formuliert und bei Bedarf durch spontane Nachfragen ergĂ€nzt werden. Dadurch bleibt die Struktur erhalten, wĂ€hrend gleichzeitig persönliche Sichtweisen und subjektive Erfahrungen vertieft werden können.

Diese Interviewform eignet sich besonders, wenn bereits Vorkenntnisse ĂŒber ein Thema bestehen – etwa durch eine Vorstudie, Literaturrecherche oder praktische Beobachtungen – und nun gezielt bestimmte Aspekte vertieftwerden sollen. Im Gesundheitswesen kann dies zum Beispiel bedeuten, dass nach einer Patientenbefragung nun spezifischere Erfahrungen mit Pflegepersonal, TherapieverlĂ€ufen oder interprofessioneller Zusammenarbeit erhoben werden.

Typischerweise beginnt ein Leitfadeninterview mit allgemeinen Angaben zur Person (z. B. Alter, Ausbildung, Beruf), gefolgt von breit angelegten Fragen zum Thema. Im weiteren Verlauf wird das GesprĂ€ch spezifischer. Sensible oder intime Fragen werden meist ans Ende gestellt, um Störungen des GesprĂ€chsverlaufs zu vermeiden.

Damit ein Leitfadeninterview gelingt, ist eine grĂŒndliche Vorbereitung wichtig: Der Interviewleitfaden sollte vorab im Rahmen von Probeinterviews (Pretest) getestet und ggf. ĂŒberarbeitet werden – z. B. hinsichtlich VerstĂ€ndlichkeit und VollstĂ€ndigkeit der Fragen oder GesprĂ€chsdauer. Auch die Interviewer:innen mĂŒssen gut geschult sein, um sicher mit dem Leitfaden umgehen zu können und gleichzeitig eine wertschĂ€tzende GesprĂ€chsatmosphĂ€re zu schaffen.

Je nach Fragestellung umfasst ein Leitfaden meist 8 bis 15 Fragen auf 1–2 Seiten. Diese gliedern sich in Hauptfragen und Differenzierungsfragen, die mĂŒndlich oder stichpunktartig notiert sein können. Hauptfragen regen zu umfassenden ErzĂ€hlungen an, wĂ€hrend Differenzierungsfragen gezielt bestimmte Inhalte detaillierter beleuchten – z. B. GefĂŒhle, Reaktionen, VerĂ€nderungen oder Handlungsentscheidungen. Falls demografische Angaben zu Beginn nicht vollstĂ€ndig erhoben wurden, können sie am Ende des Interviews ergĂ€nzt werden – auch ĂŒber einen kurzen Fragebogen. Besonders bei persönlichen Daten gilt das Prinzip der Datensparsamkeit.

Leitfadeninterviews dauern in der Regel zwischen 1-2 Stunden. Dabei ist zu beachten, dass der zeitliche Aufwand nicht mit dem Interview endet: FĂŒr eine Stunde GesprĂ€ch fallen je nach Sprechtempo und Detailgrad der Transkription etwa 5 bis 10 Stunden fĂŒr die Verschriftlichung an. Dieser Arbeitsaufwand sollte bei der Planung unbedingt berĂŒcksichtigt werden.

Typische StichprobengrĂ¶ĂŸen bei Studien mit Leitfadeninterviews liegen zwischen 10 und 20 Personen. In grĂ¶ĂŸeren qualitativen Forschungsprojekten – etwa bei Evaluationsstudien oder Studien mit mehreren Teilgruppen – können es jedoch auch deutlich mehr Befragte sein, teilweise ĂŒber 100 bis 200 Personen. Wichtig ist dabei immer die inhaltliche SĂ€ttigung: Die Anzahl der Interviews richtet sich danach, ob neue GesprĂ€che tatsĂ€chlich noch neue Erkenntnisse bringen.

Einsatzbereiche von Leitfadeninterviews im Gesundheitswesen

Leitfadeninterviews sind besonders geeignet, wenn bestimmte Themen gezielt und vergleichbar erfragt werden sollen, beispielsweise zur QualitĂ€tssicherung, zur Bedarfsanalyse oder zur Evaluation von Maßnahmen. Typische Einsatzbereiche im Gesundheitswesen sind: 

  • Patient:innenperspektiven erfassen: Systematische Befragung zu Erfahrungen mit Diagnostik, Behandlung, Pflege oder Kommunikation , z. B. in der stationĂ€ren oder ambulanten Versorgung
  • Evaluation von Gesundheitsangeboten: EinschĂ€tzungen zu PrĂ€ventionsprogrammen, Rehabilitationsmaßnahmen oder Schulungsangeboten, z. B. was gut funktioniert, wo HĂŒrden liegen, was verbessert werden sollte
  • Berufsbezogene Belastungen und Herausforderungen: Interviews mit PflegekrĂ€ften, MFA, Therapeut:innen oder Ärzt:innen zu Themen wie Arbeitsbelastung, Teamkommunikation, ethische Dilemmata oder Umgang mit Stress
  • QualitĂ€tsentwicklung in Einrichtungen: Leitfadeninterviews als Methode der internen Reflexion und Verbesserung, z. B. bei der EinfĂŒhrung neuer AblĂ€ufe oder Maßnahmen zur Patientensicherheit
  • Vergleich von Meinungen oder EinschĂ€tzungen zu bestimmten Themen: Einstellungen gegenĂŒber digitalen Anwendungen, Impfungen oder neuen Arbeitsmodellen

Varianten von Leitfadeninterviews

Es können 5 Varianten von Leitfadeninterviews unterschieden werden, die im Folgenden nÀher erlÀutert werden: 

Telefonisches Leitfadeninterview

  • Geeignet bei rĂ€umlicher Distanz oder wenn persönliche Treffen nicht möglich sind (z. B. in der Pandemie oder bei lĂ€ndlicher Streuung)
  • Bietet AnonymitĂ€t, was hilfreich sein kann bei sensiblen Themen wie psychischer Gesundheit oder sexueller Gesundheit
  • Reduziert unbewusste Vorurteile, da das Ă€ußere Erscheinungsbild keine Rolle spielt
  • Höhere persönliche Sicherheit, z.B. bei sozialer Angst oder Interviews in Krisengebieten
  • Geringere Kosten und flexiblere Terminmöglichkeiten
  • EinschrĂ€nkungen: keine nonverbalen Hinweise, Interviews oft kĂŒrzer, hĂ€ufiger KlĂ€rungsbedarf durch RĂŒckfragen

Online-Leitfadeninterview

  • DurchfĂŒhrbar z. B. per Chat, E-Mail oder Videocall
  • Besonders geeignet, wenn Zielgruppen vor allem digital erreichbar sind (z. B. jĂŒngere Patient:innen oder Fachpersonen in Online-Netzwerken).
  • Vorteilhaft bei heiklen Themen (z. B. Stigmatisierung, Essstörungen), da schriftlich gefĂŒhrte Online-Interviews mehr Distanz und PrivatsphĂ€re bieten als persönliche oder telefonische GesprĂ€che
  • Vorteil: Geringer logistischer Aufwand, InterviewĂ€ußerungen liegen direkt digital vor, keine Transkription notwendig
  • Nachteil: IdentitĂ€t der Befragten schwer ĂŒberprĂŒfbar, technische Voraussetzungen mĂŒssen gegeben sein, Online-Interviewende sollten im Umgang mit computervermittelter Kommunikation geschult sein

Experteninterview

  • Befragung von Fachpersonen wie Ärzt:innen, Pflegeleitungen oder Gesundheitswissenschaftler:innen – nicht als Betroffene, sondern als Expert:innen fĂŒr ein spezifisches Thema
  • Ziel: Erfassung von strukturellem Fachwissen (z.B. Kenntnisse ĂŒber rechtliche Rahmenbedingungen in der ambulanten Pflege) oder Praxis- und Handlungswissen (z.B. Erfahrungen im Umgang mit digitaler Dokumentation auf Station) zu bestimmten Problemlagen (z. B. VersorgungslĂŒcken, Digitalisierung, ethische Fragen)
  • Interviewende mĂŒssen gut vorbereitet sein: Entweder treten sie als Co-Expert:innen auf, um inhaltlich auf Augenhöhe zu diskutieren oder bewusst als Laien, um einfachere und anschauliche ErklĂ€rungen anzuregen
  • Der Expertenstatus sollte nachvollziehbar begrĂŒndet werden, z.B. durch formale Qualifikation, Berufserfahrung oder eine besondere Funktion im Gesundheitssystem
  • EinschrĂ€nkungen: Expert:innen sind oft schwer erreichbar; Rekrutierung erfordert deshalb flexible Planung (z.B. ĂŒber Schneeballverfahren) und starke Orientierung an deren zeitlichen und organisatorischen PrĂ€ferenzen (z.B. gewĂŒnschter Interviewort, -zeit oder -modus)

Problemzentriertes Interview

  • Ziel: Erhebung subjektiver Sichtweisen zu einem gesellschaftlich oder beruflich relevanten Thema, eingebettet in den biografischen Kontext der befragten Person
  • Balance zwischen Offenheit und Struktur: Verbindet offene ErzĂ€hlphasen mit einem thematisch ausgerichteten Leitfaden
  • Einstieg ĂŒber ErzĂ€hlanstoß: GesprĂ€chsbeginn mit einer offenen, biografiebezogenen Frage, z. B. „Wie sind Sie damals in die Pflege eingestiegen?“
  • Nachfragen in zwei Formen:
    • ErzĂ€hlungsgenerierende Nachfragen zur Vertiefung persönlicher Erfahrungen
    • VerstĂ€ndnisgenerierende Nachfragen zur KlĂ€rung unklarer Aussagen
  • Leitfaden als ErgĂ€nzung: Aspekte, die in der freien ErzĂ€hlung nicht vorkamen, werden gezielt eingebracht, ohne starre Frageabfolge
  • ZusĂ€tzliche Datenerhebung möglich: Kurzer Fragebogen zu soziodemografischen Angaben vor dem Interview (z. B. Alter, Beruf, Ausbildung)
  • Geeignet fĂŒr komplexe Themen im Gesundheitswesen: z. B. Umgang mit chronischer Belastung, Erfahrungen mit Pflegewandel oder subjektive EinschĂ€tzungen zu VersorgungslĂŒcken

Fokussiertes Interview 

  • Ziel: Erhebung von Reaktionen, Gedanken und GefĂŒhlen zu einem bestimmten Medium oder Objekt (z. B. Schulungsvideo, AufklĂ€rungsbroschĂŒre, App)
  • Ablauf: Das zu bewertende Material wird im Interviewverlauf gezeigt oder vorab bereitgestellt. Die Befragten werden eingeladen, ihre spontanen EindrĂŒcke zu schildern und bestimmte Stellen genauer zu kommentieren
  • Vorbereitung: Vor dem Interview sollte das fokussierte Objekt inhaltlich analysiert und es sollten Hypothesen ĂŒber Wirkung und Bedeutung einzelner Elemente abgeleitet werden. Auf dieser Basis wird ein Interviewleitfaden erstellt, sodass bereits wĂ€hrend des Interviews geprĂŒft werden kann, ob die Äußerungen der Befragten die Hypothesen eher bestĂ€tigen oder widerlegen und weche neuen ErklĂ€rungsbeitrĂ€ge die InterviewĂ€ußerungen liefern
  • Rolle der Interviewenden: Interviewende sollten zwar Leitfaden nutzen, aber sensibel fĂŒr emotionale oder unerwartete Reaktionen sein und ausreichend Raum fĂŒr persönliche Interpretationen lassen
  • Einsatz von Fragen zur „retrospektiven Introspektion“ (z.B. „Wenn Sie zurĂŒckdenken, was war Ihre erste Reaktion auf diese Szene?“
  • Anwendungsbeispiel im Gesundheitswesen: Evaluation von PatientenaufklĂ€rung, z.B. „Wie verstĂ€ndlich oder hilfreich wird ein Video zur Medikamenteneinnahme oder ein Flyer zur Darmkrebsvorsorge wahrgenommen?“

Vor- und Nachteile der verschiedenen Varianten von Leitfadeninterviews

 

Ausblick

In dieser Lerneinheit stand das Interview als eine zentrale Methode der qualitativen Datenerhebung im Fokus. Verschiedene Interviewformen – vom narrativen Interview ĂŒber das Leitfadeninterview bis hin zu spezialisierten Varianten wie dem Experten- oder dem fokussierten Interview – wurden vorgestellt. Deutlich wurde dabei, wie vielfĂ€ltig Interviews im Gesundheitswesen einsetzbar sind, um subjektive Sichtweisen, fachliche EinschĂ€tzungen oder Reaktionen auf konkrete Materialien zu erfassen.

In der nÀchsten Lerneinheit steht eine weitere Erhebungsmethode im Mittelpunkt: die Fokusgruppendiskussion. Sie eignet sich besonders dann, wenn nicht nur einzelne Stimmen gehört, sondern der Austausch zwischen mehreren Personen beobachtet werden soll.




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Last modified: Monday, 23 March 2026, 12:23 PM