Was heißt es, sich auf eine Umgebung einzustimmen? Das Seminar widmet sich dem Begriff des Attunement als einer sensorischen und medialen Praxis des Sich-Einstimmens auf Umwelten, Atmosphären und Infrastrukturen. Aufbauend auf Positionen der Medien- und Affekttheorie (u. a. Brian Massumi, Erin Manning, Timothy Morton und Kathleen Stewart) verstehen wir Attunement nicht als bloße Wahrnehmung, sondern als verkörperte Praxis, die Menschen, Dinge und Umgebungen in Beziehung setzt und auf das reagiert, was spürbar wird, ohne vollständig erkennbar zu sein. Attunement beschreibt dabei keine bloß individuelle Wahrnehmung, sondern eine relationale Form des In-der-Welt-Seins, in der Menschen, Dinge, Umgebungen und technische Infrastrukturen aufeinander einwirken und sich gegenseitig hervorbringen. Zugleich begreifen wir Attunement als eine Form sensorischer Arbeit: eine Praxis des Lesens von Welten, die ihre Aufmerksamkeit auf das richtet, was häufig übersehen, überhört oder unterhalb der Schwelle des unmittelbar Erkennbaren bleibt. Gerade darin liegt ihr politisches Potenzial. Attunement macht Macht nicht nur als institutionelle Ordnung, sondern als Atmosphäre, Rhythmus und körperliche Erfahrung erfassbar und lenkt den Blick auf subtile Formen von Gewalt und Ungleichheit, die sich in Geräuschen, Gerüchen, Infrastrukturen oder alltäglichen Routinen einschreiben. Als sensorische und affektive Praxis eröffnet Attunement damit Perspektiven auf Überleben, Orientierung und Widerstand und verschiebt den Fokus von abstrakten Strukturen hin zu den verkörperten Erfahrungen derjenigen, die von politischen, ökologischen oder infrastrukturellen Verhältnissen unmittelbar betroffen sind.

Ausgehend von den Begriffen Traces, Sensing und Sensation fragen wir nach der Spur als Medium der Orientierung und Wissensproduktion (Sybille Krämer), nach sensorischen Praktiken der Umweltwahrnehmung zwischen environmental sensing und citizen sensing (Jennifer Gabrys) sowie nach den politischen Dimensionen sinnlicher Erfahrung. Im Mittelpunkt stehen dabei Atmosphären, affektive Infrastrukturen und Fragen nach den Politiken des Affekts: Wie werden Atmosphären körperlich erfahren und wie artikulieren sich Macht, Gewalt und Fürsorge über sinnliche Erfahrungen? Wie machen Spuren Geschichte erfahrbar? Wie entstehen Umwelten durch sensorische Praktiken? Und wie werden Wahrnehmung und Affekt zu Formen des Überlebens, der Orientierung und des politischen Handelns?

Semester: WiSe 2026/27