Komplementär zum Grundkurs Neuere deutsche Literaturwissenschaft mit seiner Ausrichtung auf einen systematischen Überblick über Fragen und Gegenstände des Faches will die propädeutische Übung an einem überschaubaren Untersuchungsgegenstand exemplarisch in literaturwissenschaftliches Arbeiten und die hierzu erforderlichen spezifischen Arbeitstechniken einführen. Dabei werden von Sitzung zu Sitzung eine intensive Erschließung thematischer Aspekte und eine Anleitung zur selbständigen Erprobung von Techniken der Textanalyse, der Recherche, des Bibliographierens, des Rezipierens von Forschungsliteratur und der wissenschaftlich reflektierten und verantwortungsvollen Nutzung Künstlicher Intelligenz ineinandergreifen. Ziel ist es, exemplarisch wesentliche Techniken zur Abfassung eigener literaturwissenschaftlicher Texte, speziell der im Vertiefungsmodul zum ersten Mal als Leistungsnachweis geforderten Hausarbeit, zu erlernen. Hierfür bedarf es regelmäßiger Übung in wöchentlichen Recherche-, Lektüre- und Schreibaufgaben.
Unseren Untersuchungsgegenstand bildet Adalbert Stifters Erzählung Brigitta (1843). Ein Ich-Erzähler berichtet darin in Rückblenden, wie er als junger Mann einen Reisefreund, den Major Stephan Murai, auf dessen Landgut besuchte und dabei auch dessen Nachbarin Brigitta kennenlernte. Im Verlauf der Handlung erfährt er die Vorgeschichte der beiden: Murai hatte Brigitta trotz ihrer als unattraktiv beschriebenen Erscheinung geheiratet, die Ehe jedoch durch einen Seitensprung zerstört und daraufhin das gemeinsame Landgut verlassen. Die gesamte Erzählung ist bei Stifter als Lern- und Erkenntnisprozess strukturiert, in dem die landwirtschaftliche Kultivierung von Natur eine Kultivierung von Charakter mit sich bringt: Nach einer 15-jährigen Reise kehrt Murai geläutert zurück, bewirtschaftet nun ein Nachbargut, rettet Brigittas Sohn vor einem Wolfsrudel und findet hierdurch letztlich zu einer tieferen Wahrheit und zu Brigitta zurück.
In der Übung wollen wir uns unter anderem mit dem in der Erzählung omnipräsenten Zusammenhang von Naturkultivierung und Selbstkultivierung beschäftigen. Im Rahmen dessen werden wir gemeinsam raumtheoretische Ansätze der literaturwissenschaftlichen Textanalyse kennenlernen und erproben. Anhand ausgewählter Sekundärliteratur zu Brigitta werden wir den Umgang mit bzw. das Recherchieren, Zitieren und Bibliographieren von Forschungsliteratur einüben. Mit Blick auf weitere zentrale Themen der Erzählung wie Schönheit/Hässlichkeit, Geschlecht, Ehe, Psychogenese u.v.m. werden wir das Formulieren von Hausarbeits-Forschungsfragen und das Erstellen von Thesenpapieren einüben.
Teilnahmevoraussetzung: Als Teilnehmer gilt, wer bis zur ersten Sitzung die Reclam-Ausgabe von Stifters Brigitta (ISBN: 978-3-15-014563-0) erwirbt und die Erzählung bis dahin liest (88 Seiten). Voraussetzung für einen Teilnahmenachweis sind regelmäßige aktive Mitarbeit und die schriftliche Anfertigung kleinerer wöchentlicher Hausaufgaben.
Alle weiteren Texte werden im Moodle-Kurs zur Verfügung gestellt.
Teilnahmenachweis: durch aktive Mitarbeit und veranstaltungsbegleitende Aufgaben.
- Kursleiter/in: Nicolai Busch