Das Medium ›Zeitschrift‹ nimmt 1663 in Europa seinen Anfang und entsteht zunächst als Reaktion auf ein Bedürfnis von Gelehrten nach aktuellerer und schnellerer Information, wie sie Bücher nicht liefern können. Schon wenige Jahrzehnte später entsteht 1688 unter dem Titel Monatsgespräche die erste deutschsprachige Literaturzeitschrift, die sich bereits jetzt an eine breitere literarisch interessierte Leserschaft richtet. Im Zuge der Aufklärungsbewegung des 18. Jahrhunderts tragen Zeitschriften zur Organisation und Verbreitung des neuzeitlichen bzw. modernen Wissens bei und werden in der Romantik und Klassik zum Experimentierfeld für ästhetische Autonomiekonzepte. Die Entwicklung der industrialisierten Massenpresse im 19. Jahrhundert begünstigt schließlich eine rasante Ausdifferenzierung des (Literatur-)Zeitschriftenmarktes und damit die Entstehung einer massentauglichen, literarischen Populärkultur.

Im Proseminar wollen wir uns eingehender mit der Mediengeschichte und -theorie der Gattung ›Zeitschrift‹ beschäftigen und die Funktionen der Zeitschrift für das Literatursystem des 19. Jahrhunderts anhand eines Blattes ergründen: Der 1853 gegründeten Zeitschrift Die Gartenlaube. Grundlegend werden wir uns mit inhaltlichen, material- und formalästhetischen, ökonomischen und politischen Zusammenhängen der Gartenlaube beschäftigen und einzelne Ausgaben des »illustrierten Familienblatts« als bilderreichen Imaginationsraum seiner Zeit untersuchen. Mit Blick auf die in der Gartenlaube seriell publizierten Novellen eines Theodor Storm und Theodor Fontane oder die Fortsetzungsromane eines Wilhelm Raabe und einer E. Marlitt wollen wir uns mit dem für Massenmedien bis heute zentralen Prinzip der ›Serialität‹ auseinandersetzen. Am Beispiel von Texten der Bestseller-Autorin Marlitt oder von Autorinnen wie E. Werner werden wir uns damaligen Konventionen und Konventionsbrüchen weiblichen Schreibens vor dem Hintergrund damaliger Familien- und Geschlechterkonzeptionen widmen. Welche Leser*innenbedürfnisse befriedigte die Zeitschrift? Welches Selbstverständnis verband sie mit ihrem Titel Gartenlaube? Und welche ästhetischen und sozialen Möglichkeiten bot sie den Autor*innen ihrer Zeit? All dies sind Fragen, die wir unter Hinzuziehung ausgewählter Forschungsliteratur diskutieren wollen.

Die Seminarmaterialien werden rechtzeitig im Moodle-Kurs zum Seminar zur Verfügung gestellt.

Teilnahmenachweis: durch aktive Mitarbeit, die Lektüre der Texte und veranstaltungsbegleitende Aufgaben.

Leistungsnachweis: Im Rahmen des Seminars kann die Modulprüfung des Vertiefungsmoduls durch die Abfassung einer schriftlichen Hausarbeit oder einer mündlichen Prüfung abgelegt werden.

Semester: WT 2026/27