Im Workshop “Ungeheure Gelände” stehen zwei Industriestandorte im Fokus, die auf sichtbare und unsichtbare Weise die Spuren massiver menschlicher Eingriffe tragen. Die Landschaften in Linz und Bochum tragen Spuren vielfältiger Gewaltgeschichten deren fundamentale Umgestaltung auf die Zwangsarbeit, die während des Nationalsozialismus in erheblichem Umfang geleistet wurde, aber auch auf die tiefgreifende Umgestaltung sozialer und ökonomischer Verhältnisse nach dem zweiten Weltkrieg zurückzuführen ist.

Der Doppel-Workshop „Ungeheure Gelände“ rückt Industrielandschaften in den Fokus, die als stille, oftmals übersehene Archive vergangener Gewalt fungieren: zerstörte Bauten, verfallene industrielle Infrastrukturen, verwüstete oder kontaminierte Böden sowie Fluss- und Waldlandschaften, in die sich Spuren von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit materiell eingeschrieben haben. Uns interessieren dabei auch die materiellen Formen, die an diesen Orten das Gedenken und vermeintliche Neuanfänge annehmen und die Weisen, in denen das Vergessen sich materialisiert. Mehr-als-menschlicher Erinnerungsarbeit trägt (nicht nur) an diesen Orten dazu bei, dass Vergangenheiten gegenwärtig bleiben und werden, ohne dass Menschen aktiv gegen das Vergessen arbeiten. Die Gelände, die Träger dieser menschlichen und mehr-als-menschlichen Archive werden, neigen dazu, ungeheure und unheimliche Formen anzunehmen und einzufordern.

Um uns diesen Fragen anzunähern, bringen wir Autor·innen, Künstler·innen und Wissenschaftler·innen zusammen, um gemeinsam zu analysieren, wie ungeheure Gelände wahrgenommen und erzählt werden können. Der interdisziplinär organisierte Arbeitsworkshop möchte damit zu einer Begriffs- und Konzeptdiskussion beitragen, die aktuell hinsichtlich eines mehr-als menschlichen Archivbegriffes virulent diskutiert wird.

Zu welchen Formaten und Praktiken des Erinnerns und Archivierens fordern diese Orte heraus? Wie lassen sich ungeheure Gelände als räumlichen Gedächtnisspeicher menschlicher Gewalt verstehen und welche epistemischen, politischen und kulturellen Fragen ergeben sich daraus? Inwiefern lassen sich diese Gelände als sedimentierte Ausdrucksformen kollektiver Erinnerungen verstehen, deren Wirkung sich bis in gegenwärtige gesellschaftliche Aushandlungsprozesse fortsetzt?

Beitragende zum Workshop in Bochum: Frank Uekötter (Umweltgeschichte RUB), Simon Probst (Kulturwissenschaft/Germanistik, Uni Vechta), Esra Canpalat (Freie Autorin), Simone Scharbert (Freie Autorin u. Uni Köln), Antonia Villinger (FAU Erlangen-Nürnberg), Peter Neumann (Metropolschreiber Ruhr), Svenja Engelmann-Kewitz (HHU Düsseldorf)

Semester: SoSe 2026