Schon in der antiken Tragödientheorie wie den antiken Rhetoriklehren sind das Gefühl des Erhabenen und die Erfahrung des Schreckens eng miteinander verknüpft. Wirkmächtig bring Edmund Burke in seinen Philosophische Untersuchungen über den Ursprung unserer Ideen vom Erhabenen und Schönen (1757) diesen Zusammenhang in die moderne Philosophie ein. Denn auch bei dem englisch-irischen Philosophen zeigt sich jene eigentümliche Ambivalenz: Das Gefühl des Erhabenen, das sich etwa beim Anblick des tosenden, endlosen Meers, einer steil aufragenden Bergkette oder dem Blick in Sternenhimmel einstellt, erscheint als ästhetische Erfahrung, die zugleich fasziniert und überwältigt, erhebt und erschüttert, weil sie den Betrachtenden im Vergleich auf zwergenhafte Größe schrumpf – und gerade deshalb laut Burke dem Schönen, Harmonischen und Wohlgeordneten überlegen ist. In der Folge wird das Erhabene immer wieder in Kunst, Literatur und Philosophie aufgegriffen – von der Aufklärung, wo sie paradoxerweise zum Ausweis der Überlegenheit des moralischen Vermögens und der menschlichen Vernunft über diese Erfahrung wird, über die Romantik, in der das Erhabene eine Öffnung auf das Unendliche oder Göttliche erlauben soll, bis zur Postmoderne, die die Grenzziehungen, die die Aufklärung einführte, ausgehend von der grundlegenden Ambivalenz des Erhabenen wieder infrage stellt.

Doch schon Burke – nicht umsonst einer der Stammväter des Konservatismus – erkannte, dass diese Ambiguität des Erhabenen auch eine machtvolle politische Dimension hat, weil sie direkt an das affektive Geschehen der Menschen rührt. Heute stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang von Faszination und Überwältigung auch deshalb dort erneut, wo die Grenze zwischen ästhetischer Erfahrung und ideologischer Manipulation verschwimmen. Das Seminar spannt den Bogen von Burkes Überlegungen bis zu aktuellen Debatten, um zu untersuchen, wie das Erhabene zwischen Ästhetik und Politik oszilliert – und welche Bedeutung daher auch die Diskussion um diese Kategorie bis in die Gegenwart behält.

 

Zur vorbereitenden Lektüre wird empfohlen: Müller, A. / Homann, R., „Erhaben, das Erhabene“, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 2: D–F, Hg. v. Joachim Ritter, Basel 1972, S. 624–645; sowie: Heininger, Jörg, „Erhaben“, in: Ästhetische Grundbegriffe. Band 2: Dekadent – Grotesk, Hg. v. Karlheinz Brack, Stuttgart 2010, S. 275–309.

 

Weiterführende Literatur: Peter Zima, Ästhetische Negation. Das Subjekt, das Schöne und das Erhabene von Mallarmé und Valéry zu Adorno und Lyotard, Würzburg 2005.

 

Semester: SoSe 2026