„Magischer Realismus“ gehört zu den schillerndsten Begriffen der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Nach seinen UrsprĂĽngen in der Kunstgeschichte in den 1920er Jahren in Europa wanderte er nach Lateinamerika und in die postkoloniale Weltliteratur. Doch was macht Texte „magisch-realistisch“? Und wie lässt sich ein Begriff verstehen, der so unterschiedliche Werke wie Elisabeth Langgässers Gang durch das Ried (1936), Gabriel GarcĂa Márquez’ Cien años de soledad (1967) und Toni Morrisons Beloved (1987) umfassen soll?
Das Seminar verfolgt die Entwicklung des literarischen Magischen Realismus entlang dreier historischer Konstellationen: Wir beginnen mit dem deutschsprachigen Magischen Realismus der Zwischenkriegszeit, der zwischen Avantgarde und Realismus eine „Magie der Gegenständlichkeit“ (Franz Roh) entdeckt. AnschlieĂźend geht es ins Lateinamerika kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, wo anhand von Alejo Carpentiers Konzept des real maravilloso Fragen nach Authentizität und kultureller Selbstbestimmung diskutiert werden und wo sich jene Spielart des Magischen Realismus entwickelt, die mit Gabriel GarcĂa Márquez und Isabel Allende zum Exportschlager wird. SchlieĂźlich untersuchen wir, wie die Verbindung von „Magie“ und „Realismus“ in postkolonialen Texten etwa aus dem karibischen Raum, aus Indien oder Nigeria um- und fortgeschrieben wird.
Ziel des Seminars ist es, einen illustren literaturwissenschaftlichen Begriff durch seine wendungsreiche Entwicklung zu begleiten. Nicht nur werden so globale literaturhistorische Kenntnisse vermittelt, sondern auch das Potenzial geschärft, poetologische Begriffe kritisch in ihrer Genese und Entwicklung zu reflektieren.
Zentrale literaturwissenschaftliche Fragen wie „Was ist Realismus?“, „Was ist der Unterschied zwischen Magischem Realismus, fantastischer Literatur und Fantasy?“ oder „Wie wird literarisches Wissen weitergegeben?“ werden das Seminars begleiten (und vermutlich verschiedentlich beantwortet werden), was einen beständigen Dialog zwischen Theorie und Praxis, Methode und Gegenstand der Komparatistik ermöglicht.
Kenntnisse in Spanisch oder Französisch sind wünschenswert, aber nicht erforderlich. Sekundärliteratur wird auf Deutsch oder Englisch bereitgestellt.
- Kursleiter/in: Felix Jueterbock