»Ich liege als der Staub, dem kein Spalt zu eng ist« (Heike Geißler)


Eine Praxis des Denkens, setzt einen klaren Verstand voraus, eine künstlerische sowie politische Praxis ein Handlungsvermögen. Was, wenn wir aus inneren oder äußeren Umständen heraus nicht „klar“ denken und handeln können? In Zeiten multipler Krisen geraten wir zusehends in psychische und physische Zustände der Benommenheit, von denen aus ein „souveränes“ Denken und Handeln unmöglich erscheint; „souverän“: hier verstanden als Akt eines souveränen Subjekts.

Impliziert Benommenheit zwangsläufig ein Unvermögen, oder lassen sich aus der Benommenheit heraus andere Denk- und Handlungsweisen entwerfen? Was könnte eine benommene Denkweise sein, und zu welcher Erkenntnis gelangt siees, und handelt es sich bei ihren Outputs noch um „Erkenntnisse“? Was könnte ein benommenes Handeln sein und welche Praxen entstehen daraus? Was eine benommene Performance- oder Theaterpraxis?

Das Seminar ist explizit als Labor angelegt. Wir nehmen die aufgeworfenen Fragen als Ausgangsmoment einer theoretischen und künstlerischen Erkundung der Benommenheit:
• In einem ersten Schritt werden wir den Begriff der „Benommenheit“, der nicht explizit durch theaterwissenschaftlichen Diskurs bestimmt ist, theoretisch umkreisen. Hierbei werden wir uns mit verwandten Begriffen aus transdisziplinären Diskursen beschäftigen: der Opazität (Edouard Glissant) der Schwäche/Weakness (Kai von Eikles), Krankheit/Sickness (Johanna Hedva), Müdigkeit, Dissoziation, u. a.a..  
• In einem zweiten Schritt beschäftigen wir uns mit einem Denken und künstlerischen Arbeiten in Benommenheit (z. B. unter Brain Fog oder Drogeneinfluss); hier lesen wir wissenschaftliche und literarische Texte (Walter Benjamin: Haschisch in Marseille, Heike Geißler: Liegen, u. a.) und sprechen mit betroffenen Denker*innen/Künstler*innen. Wir sichten Performance- und Theaterarbeiten und untersuchen sie auf ihre benommenen Qualitäten (Showcase Beat Le Mot: Raven mit Long Covid, Viktor Szeri: fatique, u. a.).
• In Praxissessions erarbeiten wir gemeinsam eine Methodologie der Benommenheit. Die zentrale Frage hier: Mit welchen künstlerisch-wissenschaftlichen Mitteln können wir Benommenheit fassen und darstellen, ohne sie in ein Regime der Klarheit, Wachheit, Präsenz zu übertragen und somit ihrer Qualität zu berauben.

 

 

Semester: SoSe 2026