Kein Text ist für die Frühzeit der merowingischen Herrschaft, die Reichsbildungen unter Chlodwig und seine nachfolgenden Generationen derart bedeutsam, gleichsam aber auch derart problembehaftet wie die „Zehn Bücher Geschichte(n)“ des Turoner Bischofs Gregor (574–594). Beginnend mit der Erschaffung der Welt gelangt Gregor schnell über die Christianisierung des Frankenreiches zu seiner eigenen Zeit, die er äußerst vielschichtig zu präsentieren versteht, nicht ohne sich dabei selber als zentralen Akteur im Umfeld seiner Kirchenprovinz sowie unterschiedlicher merowingischer Könige zu inszenieren. Die geschilderten Episoden, durchsetzt von Intrigen, Verrat und Gewalt, scheinen teils wahllos aneinander gereiht zu sein, und doch hat die Forschung der vergangenen Jahrzehnte – kaum ein mittelalterlicher Text dürfte mehr Aufmerksamkeit in der Wissenschaft gefunden haben als die Geschichte(n) Gregors – zu Intention und Aufbau des Werkes eine Vielzahl an Überlegungen hervorgebracht. Da zu den von Gregor überlieferten Ereignissen kaum Vergleichsquellen vorliegen, gestaltet sich sein Werk als Schlüsseltext insbesondere für das 6. und 7. Jahrhundert. Gleichwohl verlangt dieser Umstand eine kritische Lektüre. Im Hauptseminar wollen wir uns intensiv mit dem Text auseinandersetzen, ihn im Umfeld der Zeit betrachten und Themenfelder eruieren, die Gregor in sein Werk eingeflochten hat.

Semester: SoSe 2026