
Von den ersten gothic novels im späten 18. Jahrhundert, bis in die Gegenwart, besteht ein großer Teil des Buchmarktes aus Texten „jenseits des guten Geschmacks“. Texte, die nicht in erster Linie erbaulich oder formal anspruchsvoll sind, aber große Aufmerksamkeit auf sich ziehen, weil sie Spannung, Lust, Neugier, Erholung oder Grusel erzeugen. Unter dem in diesem Seminar zu befragenden Label „Schundliteratur“ treffen sich Texte über erotische Abenteuer und Gräueltaten, Ermittlungen in zwielichtigen Milieus und übertriebene Romanzen, grober Humor und Sentimentalität, aber eben auch transgressive Formate und progressive Themen, die in der „gehobenen“ Literatur keinen Raum haben.
In diesem Seminar werden wir gemeinsam die Spannung zwischen ästhetischer Kritik und sittlich-moralischen Ansprüchen durch die Literaturgeschichte verfolgen und in Gruppenprojekten Fallbeispiele erarbeiten, die vermeintliche Schundliteratur im Kontext von Genre, Form und Moralvorstellungen zum Thema machen. Insbesondere Texte, die historisch Skandale ausgelöst haben und/oder verboten wurden bzw. zu Gerichtsverfahren führten, gegenwärtig aber als „Klassiker“ gehandelt werden, interessieren uns in diesem Seminar, z.B. Texte von Marquis de Sade, Algernon Blackwood, D.H. Lawrence, Anne Rice, Anaïs Nin, Georges Batailles, Raymond Chandler, Bret Easton Ellis, Michel Houellebecq uvm. Unsere Ziele sind es, Einblick in Bewertungsmaßstäbe von Literatur zu gewinnen, Kriterien für die wissenschaftliche Beschreibung und Einordnung verfemter Texte zu entwickeln und zu die Überschneidungen und Spannungen zwischen persönlichem und gesellschaftlich akzeptablem Geschmack mit Hilfe von affekttheoretischen Paradigmen und Situierungspraktiken zu thematisieren und mit Blick auf Marginalisierungsstrategien und progressive Potenziale zu kontextualisieren.
- Zur Vorbereitung: Barry Reay and Nina Attwood: Dirty Books. Erotic fiction and the avant-garde in mid-century Paris and New York. Manchester UP 2025.
- Kursleiter/in: Solvejg Elisabeth Nitzke