
Spätestens seit sich das eigene Leseverhalten in Begriffen des „kulturellen Kapitals“ beschreiben lässt, ist klar, wer nicht die „richtigen“ Bücher liest, läuft Gefahr, kulturelle Schulden anzuhäufen. Dass „guter Geschmack“ zu sozialem Status beitragen kann, zeigt sich nicht nur in der Fülle repräsentativer Bibliotheken, die bürgerliche und adlige Häuser und Haushalte zieren, sondern auch in Dienstleistungen wie „shelf-styling“, das im Extremfall Bücher zu Inneneinrichtung degradiert und z.B. den Büros von neu ins Amt gekommenen Politiker*innen Tiefe und Charakter verleihen soll. Umgekehrt bedeutet das auch, dass viele Lieblingsbücher eher im Schlaf- als im repräsentativen Wohnzimmer aufbewahrt werden und über Krimis, Liebesromane, Horror und Fantasy immer noch im Modus des „guilty pleasure“ gesprochen wird und eine allzu große Science Fiction Sammlung bei aller Nerd-Liebe einen nach wie vor nicht unbedingt intellektuell oder gar kultiviert erscheinen lässt.
Die Ausschlussmechanismen, die in diesen Praktiken eher spielerisch erscheinen, gewinnen gegenwärtig wieder an gesellschaftlicher Reichweite. Massenhafte Verbote von Büchern – sei es durch offizielle Zensur oder durch den Druck „konservativer“ Kräfte auf öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Bibliotheken – treffen besonders Texte von und über marginalisierte Menschen. Dass Texte von nicht-weißen, queeren und politisch progressiven Autor*innen dabei besonders im Fokus stehen, überrascht angesichts ihrer langen Beschämungsgeschichte nicht. Was aber in den Fokus rückt, ist, dass dabei nicht nur die Autor*innen einmal mehr marginalisiert werden, sondern auch ihre Leser*innen (egal, ob sie die Marginalisierungserfahrungen teilen oder nicht) eingeschränkt und beschämt werden.
Diese Vorlesung folgt mit Hilfe von Affekttheorie, queerer, feministischer und postkolonialer Theorie der Beziehung von Scham und Schande mit Blick auf literarische Texte, Popkultur und Literaturpolitik. Die Beziehung von Text und Affekt, ihrer Wertung und den konservativen, reaktionären, aber auch progressiven Programmatiken der Kritik führen uns von Lesesuchtdebatten, über Zensur und Queer Histories zur Skandalgeschichte und Reclamation von „guilty pleasures“ und dem (neuen) Lesen als politischem Akt.
- Kursleiter/in: Solvejg Elisabeth Nitzke