Wo viele Menschen zusammenleben, braucht es nicht nur Regeln und Absprachen, um dieses Zusammenleben zu ordnen, sondern auch Disziplin, um diese Regeln einzuhalten. Besonders deutlich wird das, wenn Regeln und Gesetze verletzt werden, und Strafe oder „Resozialisierung“ anstehen. Doch auch ohne die Überschreitung erfordert die Implementierung von Regeln und Ordnung – selbst, wo sie freundlich daherkommt – Techniken der Einübung, die vom spielerischen Lernen bis zu Drill und Strafe reichen können. Viele dieser Techniken werden insbesondere in der Moderne literarisch bearbeitet und thematisieren nicht nur die Folgen und den Sinn von Disziplinierungen für Individuen und Gruppen, sondern formen dabei auch literarische Texte. In diesem Seminar folgen wir Disziplinierungen vor allem auf fünf Schauplätzen: Krieg/Militär, Gefängnis, Schule, (Zwangs-)Arbeit und Schönheits-/Heiratsmarkt. Figuren wie Soldat*innen, Lehrer*innen, Gefangene, versklavte Menschen, Bullies und Opfer auf dem Schulhof, Hausfrauen, Schönheitsköniginnen, Sportler*innen sind, wie sich zeigen wird, nie einzelnen Orten zugeordnet, vielmehr bilden sie entlang der Disziplinierungstechniken, denen sie sich freiwillig oder unter Zwang unterordnen ein Netzwerk, das die verschiedenen Schauplätze erst als Institutionen zur Erscheinung bringt.

Voraussichtliche Lektüren: Franz Kafka: In der Strafkolonie/Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses; Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues/Klaus Theweleit: Männerphantasien; Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß/Michel Houellebecq: Les particules Élémentaires; Toni Morrison: Beloved/Percival Everett: James; sowie Texte von Elfriede Jelinek, Han Kang, Betty Friedan, Ira Levin u.a.

Semester: ST 2026