
Die Performance Studies sind nicht mit der Theaterwissenschaft gleichzusetzen, sowohl hinsichtlich der Geschichte des Faches als auch bezĂŒglich der ForschungsgegenstĂ€nde. Im Gegensatz zur Disziplin, die sich am Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa in der Abgrenzung von der Dominanz der Literaturwissenschaft formierte, entstanden die Performance Studies in den 1980er Jahren im nordamerikanischen Kontext als ein genuin interdisziplinĂ€res Feld, wenn nicht gar als Post-Disziplin. Aufgrund der Breite von Untersuchungsmethoden und der DefinitionsunschĂ€rfe der Kategorie âPerformanceâ verweigern sie sich einer Eingrenzung und jeglicher Kategorisierung. Die Performance Studies können eher als Vernetzung von unterschiedlichen Methoden, Bereichen und Disziplinen beschrieben werden, wie Anthropologie, Psychoanalyse, Soziologie, Sprachphilosophie, Literatur-, Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Gender Studies, Queer Theory, Black and Brown Studies.
Die Vorlesung versucht, vor dem Hintergrund der Entstehungsgeschichte der amerikanischen Performance Studies eine kritische und nicht zuletzt subjektive Auseinandersetzung mit den Methoden, Konzepten, Auffassungen und GegenstĂ€nden der Performance- und PerformativitĂ€tsforschung anzubieten. Performance wird als Handlung, Prozess und Praxis, aber auch als Vermittlungsmodus und epistemisches Modell verstanden. Es handelt sich dabei sowohl um Ă€sthetische Ausdrucksformen und Produktionen als auch um Alltagspraktiken und Selbsterfahrungen, PerformativitĂ€t der Geschlechter sowie um Materialisierungen von Gemeinschaftlichkeit und politische Interventionen. Neben theoretischen Texten, die sich mit der VerschrĂ€nkung von Ă€sthetischer, sozialer, politischer und kultureller Performance und PerformativitĂ€t auseinandersetzen (Richard Schechner, Peggy Phelan, JosĂ© Esteban Muñoz, Rebecca Schneider, Diana Taylor, Judith Butler, Fred Moten), werden auch Schriften diskutiert, die performative Theorien etablieren, ohne sich auf performative KĂŒnste und menschliche Handlungskonzepte zu beziehen (Bruno Latour, Donna Haraway, Paul B. Preciado, Anna L. Tsing, Elisabeth Povinelli).
SchlieĂlich werden wir uns in den einzelnen Sitzungen auch Zeit nehmen, um gemeinsam Beispiele von Performances zu betrachten und uns mit den Aporien unseres Forschungsgegenstandes auseinanderzusetzen. Dabei werden wir mit immer wiederkehrenden Fragen konfrontiert: Was ist Performance? Wie lassen sich ihre Grenzen bestimmen? Wie beschreibt man Performance, wenn sie selbst als Methode angesehen werden kann? Wie wird das Schreiben ĂŒber Performance selbst zum performativen Akt? Kann die Performance archiviert werden? Welche Position kommt dem Körper als TrĂ€ger der Erfahrung zu? Was ist PerformativitĂ€t? In welchem VerhĂ€ltnis steht PerformativitĂ€t zu verwandten Kategorien wie Effizienz und Wirksamkeit, Handlungsmacht und HandlungsfĂ€higkeit, RelationalitĂ€t und Beziehungshaftigkeit? Wie performativ sind Theorien des Performativen? Und nicht zuletzt: Wie politisch sollen die Performance-Theorien sein?
- Kursleiter/in: Karina RocktÀschel
- Kursleiter/in: Dorota Sajewska