„Wetter: Immerwährendes Thema. Allgemeine Ursache von Krankheiten. Ständig darüber klagen.“ Dieser ironische Eintrag von Gustave Flaubert im Dictionnaire des Idées Reçues (1913) beschreibt das Wetter als triviales Gesprächsthema – gleichzeitig verdeckt er dessen kulturelle, politische und ästhetische Wirkmacht. Jenseits von Small-Talk bezeichnet das Wetter den Zustand der Atmosphäre an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit. Es beschreibt ein Gefüge sinnlich wahrnehmbarer Umweltbedingungen. Das Wetter prägt kulturelle Praktiken, erfordert Anpassung und strukturiert den Alltag. Es ist eine verkörperte Erfahrung und setzt Körper wechselhaften Bedingungen aus: Menschen frieren oder schwitzen, Pflanzen welken, Materialien rosten, verwittern, schimmeln. Das Wetter hinterlässt zudem Spuren wie Pfützen, verdorrte Wiesen, Sturmschäden, etc. Auch Armut, Ausgrenzung, Rassismus und Hass können als Wetterzustand erlebt werden – als etwas Dauerhaftes, Belastendes und schwer Entkommbares.

Ausgehend von Performances, Theateraufführungen und Filmen untersuchen wir im Seminar, wie Regen, Hitze, Wind, Schnee, Gewitter und Stürme nicht bloß als ästhetisches und dramaturgisches Mittel eingesetzt werden, sondern Atmosphären erzeugen, Körper exponieren und unterschiedliche Formen von Gewalt ästhetisch, affektiv und körperlich erfahrbar machen. Dabei interessiert besonders, wie Wetterdarstellungen mit struktureller, kolonialer, ökologischer und körperlicher Gewalt zusammenhängen. Anhand künstlerischer Arbeiten und theoretischer Texte diskutieren wir Konzepte wie „slow violence“ (Rob Nixon), „antiblackness as total climate“ (Christina Sharpe) sowie feministische und materialistische Ansätze, die das Wetter als aktive Mitproduzentin von Geschichten und Körpererfahrungen begreifen. Zudem wird kritisch reflektiert, inwiefern Wettermetaphern politische Gewalt sowie autoritäre und demokratiegefährdende Entwicklungen naturalisieren – und wo sie neue Formen der Analyse ermöglichen.

Im Seminar erproben wir das Zuhören als analytische und epistemische Methode, um (Gewalt)Atmosphären mit einer anderen Aufmerksamkeit zu begegnen. Ausgehend von Ansätzen aus den Sound Studies, Performance Studies und feministischer Umweltforschung untersuchen wir, wie akustische, rhythmische und atmosphärische Dimensionen von Regen, Schnee und Wind in künstlerischen Arbeiten Gewalt-Kontexte artikulieren oder verschleiern. Außerdem diskutieren wir, welche politischen und ästhetischen Perspektiven feministische Ansätze wie „weather together“ (Astrida Neimanis & Jennifer Mae Hamilton) eröffnen. Dabei fragen wir, wie sich Wetter als geteilte, zugleich ungleich verteilte Bedingung des Zusammenlebens theoretisieren lässt – insbesondere im Kontext aktueller ökologischer und demokratischer Krisen.

Semester: SoSe 2026