Der Blick auf die Uhr – sei sie analog oder digital –, das Reisen durch Zeitzonen wie auch das Klagen über stete Beschleunigung sind uns alltägliche, in der Regel kaum hinterfragte Begleiter. Befasst man sich jedoch genauer mit ‚Zeit‘, so wird schnell klar, dass Konzepte, Definitionen und Verwendungsweisen kontextgebunden, also wandel- und historisierbar sind. In diesem Hauptseminar sollen Potenziale und Grenzen eines temporal turn – der Hinwendung zu ‚Zeit‘ als analytischer Kategorie – in der Neueren und Neuesten Geschichte mit Hilfe von Quellen und Literatur ausgelotet werden.

Darunter fällt zum einen die Beschäftigung mit Vorstellungen eines linearen und kontinuierlich voranschreitenden Zeitstrahls. Dieses Modell ist im Westen grundlegend geworden für das Verständnis von ‚der Geschichte‘ und ihrem Verlauf, für Konzeptionen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie für eine bestimmte, als prinzipiell fortschrittlich erachtete ‚Moderne‘. Damit einhergehende, eher theoretische Fragestellungen sind in der Geschichtswissenschaft bereits häufiger diskutiert worden und haben aufgrund der populären These einer Beschleunigung als der modernen Zeiterfahrung wiederholt Konjunktur erfahren.

Daneben lässt sich eine „Zeit(en)-Geschichte“ (Geppert/Kössler; Landwehr; Rothauge; Steglich) ganz alltagsnah betreiben: Vorstellungen von und Formen des Umgangs mit ‚Zeit‘ sind untrennbar verbunden mit Materialitäten – angefangen bei Sonne und Gestirnen, Kalendern und Uhren – sowie mit Handlungen, wie Essen, Arbeiten oder Schlafen. Erst in den letzten Jahren sind diese Verflechtungen verstärkt in den Fokus geschichtswissenschaftlicher Untersuchungen gerückt. Sie vermögen neue Perspektiven darauf zu eröffnen, wie Zeitgenoss*innen ihre jeweilige Lebenswelt wahrnahmen und organisierten, nicht zuletzt in Relation zu ihrer Umwelt sowie in Koordination mit ihren Mitmenschen. Zeitgestaltung ist damit stets auch eine Frage von Macht: Wer gibt Zeitdefinitionen vor? Wer kontrolliert Zeitordnungen und wie werden Zeitangaben (wem) vermittelt? Welcher Zeitgebrauch gilt als richtig bzw. wichtig und warum?


Literaturauswahl:

  • Esposito, Fernando: Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Eine Geschichte und Theorie historischer Zeiten. Göttingen 2025.
  • Geppert, Alexander C. T.; Till Kössler (Hrsg.): Obsession der Gegenwart. Zeit im 20. Jahrhundert. Göttingen 2015.
  • Koselleck, Reinhart: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt a. M. 1979.
  • Landwehr, Achim: Diesseits der Geschichte. Für eine andere Historiographie. Göttingen 2020.
  • Ogle, Vanessa: The Global Transformation of Time. 1870 – 1950. Cambridge, MA, und London 2015.
  • Patzel-Mattern, Katja; Franz, Albrecht (Hrsg.): Der Faktor Zeit. Perspektiven kulturwissenschaftlicher Zeitforschung. Stuttgart 2015.
  • Rothauge, Caroline: Zeiten in Deutschland 1879 – 1919. Konzepte, Kodizes, Konflikte. Paderborn 2023.
  • Steglich, Sina: Zeitort Archiv. Etablierung und Vermittlung geschichtlicher Zeitlichkeit im 19. Jahrhundert. Frankfurt a. M. 2020.
Semester: ST 2026
Organisationseinheit: Fakultät für Geschichtswissenschaften