
1958 füllten sich im Ruhrgebiet plötzlich die Halden, weil die Nachfrage nach Kohle einbrach – erste Anzeichen der „Kohlekrise“. 1963 schlossen 13 Zechen, und 10.000 Bergleute verloren ihre Arbeit. Am 5. März 1968 verabschiedete die Landesregierung NRW in Düsseldorf das „Entwicklungsprogramm Ruhr“, das die „Verbesserung der Umstellungsfähigkeit (Flexibilität) der Wirtschaft insgesamt“ anstrebte. Schon im Januar desselben Jahres und ebenfalls von Düsseldorf aus forderte der Schriftsteller und Künstler Ferdinand Kriwet in seinem „manifest glückauf“ mit situationistischem Gestus die „Umstrukturierung des Ruhrreviers zum Kunstwerk“: „Als größte künstliche Landschaft Europas hat das Ruhrrevier die Chance zum größten Kunstwerk der Welt zu werden“: „Die stillgelegten Schacht- und Förderanlagen, Hochöfen, Silos, Maschinen und Fabriken erlauben zum erstenmal deren ästhetische Betrachtung“.
Diese „Umstrukturierung […] zum Kunstwerk“ wurde dann ab Ende der 80er Jahre Realität, insbesondere in der von Karl Ganser unter Stadtentwicklungsminister Christoph Zöpel geleiteten Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park, die von 1989 bis 1999 stattfand, die Industrieruinen neu inszenierte und revitalisierte. Als unmittelbare Folge der IBA Emscher Park fand 2002 die erste Ruhrtriennale statt. Große Projekte waren der Landschaftspark Duisburg-Nord und die Zeche Zollverein in Essen, deren Kohlewäsche 1988 schloss: Für letztere legte Rem Koolhaas 2002 im Nachgang der IBA den „Masterplan“ vor, der seinen Überlegungen zur „Bigness“ folgte: Die „Walled City“ enthält heute das Ruhr-Museum, ein Design-Museum, das choreographische Zentrum PACT Zollverein sowie temporäre Konzertsäle und Ausstellungshallen: „The programming of the new buildings and re-programming of the existing buildings contain many functions, most of which are related to art and culture“. Durch die IBA sollte, in den Worten der sie begleitenden Stadtsoziologin Heiderose Kilper, „Innovation in nicht-innovative Milieus“ getragen werden. Neu programmiert werden sollten auch die Subjekte: von Akteuren in industriellen, fordistischen, gewerkschaftlichen Milieus in postfordistische, kreativ und unternehmerisch denkende Träger:innen von Innovation.
In einer historischen Nachzeichnung der IBA Emscher Park und der aus ihr hervorgegangenen Projekte möchte das Seminar zunächst die Ästhetisierung, Inszenierung und Sakralisierung der Überreste der industriellen Rohstoffextraktion historisch betrachten, insbesondere ihre Umwandung zu Spielstätten von Festivals und zu Produktionshäusern von Performance, Musiktheater und Tanz. In einem zweiten Schritt soll dann den Verhältnissen von partizipativer Performance oder relational aesthetics (Nicolas Bourriaud) und postfordistischer oder neoliberaler Subjektivierung nachgegangen werden, u.a. mit Texten von Paolo Virno und Bojana Kunst. Zuletzt werden wir neuere Theorien zur unverminderten planetarischen Ökonomie der Extraktion gelesen (Kathryn Yusoff, Martín Arboleda, Macarena Gomez-Barris) und einen Blick auf künstlerische Auseinandersetzungen damit werfen – im Theater oder in Installationen, so beim „Ruhr Ding“, dem Emscherkunstweg und dem „Halden“-Projekt bei PACT Zollverein. Hier ist eine Exkursion geplant.
- Kursleiter/in: Jörn Etzold
- Kursleiter/in: Isabell Victoria Maar