Erzählen in Versen ist, will man meinen, eine Sache der Antike und des Mittelalters. Und allenfalls noch der Renaissance, wo etwa ein Tasso oder ein Ariost, Vergil und Homer nachahmend, in Versen übers befreite Jerusalem oder den rasenden Roland erzählten.

Dass aber immerhin Klopstocks Messias und Goethes Erzähltexte Reinecke Fuchs und Hermann und Dorothea in Versen verfasst sind, deutet darauf hin, dass Erzählen in Versen in den Klassizismen des 18. Jahrhunderts eine Rolle gespielt haben mag. Dies insbesondere, wenn man bedenkt, dass der Messias und Herman und Dorothea gleichsam nur die literarhistorischen Grenzsteine einer regelrechten Konjunktur des Versepos in der zweiten Hälfte des Aufklärungsjahrhunderts darstellen. Da gab es nationalepische Versuche ebenso wie die großen Bibel-Epen zu Patriarchen-Figuren des Alten Testaments, da gab es Versuche, eben nicht Homer, sondern der ganz anderen Form Ariosts und Tassos zu folgen, da gab es idyllische Kleinepik – und letztlich hat die Existenz eines heiteren Epos auch damit zu tun, warum die Kortumstraße in der Bochumer City eben Kortumstraße heißt.

Sie müssen keines der Versepen vorab gelesen haben! Wenn die Vorlesung Sie ermuntert, sie zu lesen, hat sie ihren Zweck erreicht!

Semester: ST 2026