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🎯 Lernziele

  • Die Struktur, QualitĂ€t und methodischen Besonderheiten von EHRs und administrativen Daten in der Versorgungsforschung verstehen und bewerten können.
  • Die rechtlichen Rahmenbedingungen, insbesondere das Gesundheitsdatennutzungsgesetz (GDNG), in Bezug auf Datenschutz, Datenfreigabe und Forschungszugang erlĂ€utern können.
  • Methodische AnsĂ€tze der SekundĂ€rdatenanalyse, wie Real-World Evidence, longitudinale Analysen und DatenverknĂŒpfung, nachvollziehen und kritisch reflektieren können.
  • Chancen und Herausforderungen der Nutzung von EHRs und administrativen Daten erkennen und fĂŒr Forschungsprojekte einschĂ€tzen können.

SekundÀrdatenanalyse: Elektronische Gesundheitsakten (EHRs) & Administrative Daten

Elektronische Gesundheitsakten und administrative Daten bilden einen essentiellen Baustein der datengestĂŒtzten Versorgungsforschung. Im Kontext des Gesundheitsdatennutzungsgesetzes (GDNG) eröffnen sich neue Dimensionen fĂŒr die systematische Analyse von Versorgungsprozessen unter realen Bedingungen.

1. Grundlagen und Definitionen

💡 Definition

Elektronische Gesundheitsakten (EHRs) sind digitale Patient:innenunterlagen, die kontinuierlich wÀhrend der Versorgung entstehen und medizinische Informationen strukturiert dokumentieren.

Sie enthalten Diagnosen, TherapieplĂ€ne, Laborergebnisse, MedikationsplĂ€ne und Verlaufsdokumentationen. Im deutschen Gesundheitswesen bezeichnet die elektronische Patientenakte (ePA) die gesetzlich vorgeschriebene digitale Akte fĂŒr gesetzlich Krankenversicherte, die seit Januar 2025 automatisch fĂŒr alle 73 Millionen Versicherten angelegt wird.

💡 Definition

Administrative Daten entstehen primÀr bei der Abrechnung von Leistungen im Gesundheitswesen.

Diese Routinedaten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) umfassen Abrechnungsdaten von KrankenhĂ€usern, niedergelassenen Ärzten und anderen Leistungserbringern. Sie enthalten ICD-10-Diagnosen, OPS-Prozeduren und DRG-Fallpauschalen fĂŒr die stationĂ€re Versorgung.

2. Datenstrukturen und -qualitÀt

Elektronische Gesundheitsakten enthalten strukturierte und unstrukturierte Datenelemente. Strukturierte Daten umfassen kodierte Diagnosen, Laborwerte und Medikamentenlisten, wÀhrend unstrukturierte Daten Freitexte in Arztbriefen oder Befundberichten darstellen. Die QualitÀt dieser Daten variiert erheblich zwischen verschiedenen Einrichtungen und Dokumentationssystemen.

Administrative Daten weisen eine hoheStandardisierung auf, da sie fĂŒr Abrechnungszwecke optimiert sind. Krankenhausinformationssysteme (KIS) ĂŒbermitteln Abrechnungsdaten elektronisch an die Krankenkassen nach definierten Vorgaben. Die DRG-Systematik (Diagnosis Related Groups) strukturiert stationĂ€re Abrechnungsdaten nach Hauptdiagnose, Nebendiagnosen, Prozeduren und Schweregraden.

Zentrale QualitĂ€tskriterien fĂŒr SekundĂ€rdaten umfassen:

  • Korrektheit: Übereinstimmung mit der RealitĂ€t
  • VollstĂ€ndigkeit: Erfassung aller relevanten Informationen
  • AktualitĂ€t: Zeitnahe Dokumentation
  • Konsistenz: Widerspruchsfreiheit zwischen Datenfeldern
  • ValiditĂ€t: Einhaltung definierter Wertebereiche

3. Rechtliche Rahmenbedingungen

Das am 26. MĂ€rz 2024 in Kraft getretene Gesundheitsdatennutzungsgesetz (DGNG) schafft neue Möglichkeiten fĂŒr die Forschungsnutzung von Gesundheitsdaten. Das Forschungsdatenzentrum Gesundheit (FDZ) beim Bundesinstitut fĂŒr Arzneimittel und Medizinprodukte kann pseudonymisierte Daten verschiedener Quellen fĂŒr Forschungszwecke verknĂŒpfen.

Eine wesentliche Neuerung betrifft die automatische VerfĂŒgbarkeit von ePA-Daten fĂŒr die Forschung im Opt-Out-Verfahren. Versicherte können der Datenfreigabe widersprechen, jedoch werden die Daten standardmĂ€ĂŸig fĂŒr wissenschaftliche Zwecke bereitgestellt.

Das GDNG fĂŒhrt ein Forschungsgeheimnis fĂŒr die Nutzung von Gesundheitsdaten ein. Die DSGVO erlaubt die Verarbeitung personenbezogener Gesundheitsdaten fĂŒr wissenschaftliche Zwecke unter strengen Auflagen. Pseudonymisierung und VerschlĂŒsselung bieten Schutz vor Re-Identifikation, wobei zusĂ€tzliche Verfahren wie Aggregierung und "differential privacy" erforderlich sind.

4. Methodische AnsÀtze der SekundÀrdatenanalyse

Real-World Evidence (RWE): Real-World Evidence bezeichnet klinische Evidenz, die aus Real-World Data außerhalb kontrollierter Studien gewonnen wird. RWE aus EHRs und administrativen Daten ermöglicht die Bewertung von BehandlungseffektivitĂ€t unter Alltagsbedingungen. Im Gegensatz zu randomisierten kontrollierten Studien spiegelt RWE die tatsĂ€chliche VersorgungsrealitĂ€t wider und weist hohe externe ValiditĂ€t auf.

Longitudinale Analysen: SekundĂ€rdaten ermöglichen die Verfolgung von Patienten ĂŒber lĂ€ngere ZeitrĂ€ume. Longitudinale AnsĂ€tze analysieren VerĂ€nderungen klinischer Parameter ĂŒber die Zeit und identifizieren Risikofaktoren fĂŒr Langzeitoutcomes. Diese Methoden sind besonders wertvoll fĂŒr die Untersuchung chronischer Erkrankungen und seltener Ereignisse.

 

VerknĂŒpfung verschiedener Datenquellen: Die Integration von EHR-Daten mit administrativen Daten oder Registerdaten ermöglicht umfassende Analysen, die keine Einzelquelle allein leisten könnte. Solche Datenlinkage-Studien erfordern sorgfĂ€ltige methodische Planung und BerĂŒcksichtigung datenschutzrechtlicher Bestimmungen.

 

5. Anwendungsfelder in der Versorgungsforschung

đŸ„ QualitĂ€tsmessung und Benchmarking:

Administrative Daten eignen sich zur Messung von VersorgungsqualitÀt durch QualitÀtsindikatoren wie MortalitÀtsraten, KomplikationshÀufigkeiten oder Readmissions. Die standardisierte Erfassung ermöglicht Vergleiche zwischen Einrichtungen und Regionen.

đŸ„ Pharmakoepidemiologe und Arzneimittelsicherheit:

Medikationsinformationen, die fĂŒr pharmakoepidemiologische Studien genutzt werden können. Die Analyse von Arzneimittelwirkungen und -nebenwirkungen unter realen Bedingungen ergĂ€nzt Erkenntnisse aus klinischen Studien.

đŸ„ Versorgungsforschung zu seltenen Erkrankungen

Die hohen Fallzahlen in administrativen Daten ermöglichen Analysen zu seltenen Erkrankungen, die in einzelnen Studien nicht ausreichend reprĂ€sentiert wĂ€ren. Registerstudien nutzen diese Eigenschaft fĂŒr die Erforschung von Orphan Diseases.

6. Herausforderungen und Limitationen

EHR-Daten weisen heterogene QualitĂ€t auf, da die Dokumentation primĂ€r der klinischen Versorgung dient. Administrative Daten können durch Kodierungspraktiken und Abrechnungsanreize verzerrt sein. Fehlende Daten und DokumentationslĂŒcken begrenzen die Analysemöglichkeiten.

Nicht alle Patienten sind gleichermaßen in SekundĂ€rdaten reprĂ€sentiert. Bestimmte Bevölkerungsgruppen, Versorgungssektoren oder Behandlungsverfahren können unter- oder ĂŒberreprĂ€sentiert sein, was die Generalisierbarkeit der Ergebnisse beeintrĂ€chtigt.

 

Mangelnde Standardisierung zwischen verschiedenen Datenquellen erschwert die Vergleichbarkeit und Integration. Unterschiedliche Kodierungssysteme, Datenformate und Dokumentationsstandards erfordern aufwÀndige Harmonisierungsverfahren.

7. Best Practices und QualitÀtssicherung

đŸ„ Praxisbeispiel: Datenvalidierung und PlausibilitĂ€tsprĂŒfungen

Systematische Validierung umfasst die ÜberprĂŒfung von VollstĂ€ndigkeit, Konsistenz und PlausibilitĂ€t der Daten. Automatisierte PlausibilitĂ€tschecks können Fehler bei der Dateneingabe identifizieren, wĂ€hrend statistische Methoden systematische Probleme aufdecken

đŸ„ Praxisbeispiel: Triangulation verschiedener Datenquellen

Datenquellen kann die Limitationen einzelner Quellen kompensieren. Triangulation verschiedener Evidenzquellen erhöht die ValiditÀt der Forschungsergebnisse.

đŸ„ Praxisbeispiel: Transparenz und Reproduzierbarkeit

PrÀzise Dokumentation der verwendeten Datenquellen, Einschlusskriterien und statistischen Methoden ist essentiell. Vordefinierte Analyseprotokolle und öffentliche Studienregistrierung tragen zur Transparenz bei.

8. Schlussfolgerungen

Elektronische Gesundheitsakten und administrative Daten stellen eine unverzichtbare Ressource fĂŒr die moderne Versorgungsforschung dar. Das GDNG schafft wichtige rechtliche Grundlagen fĂŒr die systematische Nutzung dieser Datenquellen in Deutschland. Die erfolgreiche Analyse erfordert jedoch fundierte methodische Kenntnisse, sorgfĂ€ltige QualitĂ€tssicherung und die BerĂŒcksichtigung ethischer sowie datenschutzrechtlicher Aspekte.

Die Standardisierung durch InteroperabilitĂ€tsstandards verbessert die Nutzbarkeit von SekundĂ€rdaten erheblich. ZukĂŒnftige Entwicklungen in der KĂŒnstlichen Intelligenz und im Datenschutz werden weitere Innovationen in der SekundĂ€rdatenanalyse ermöglichen. Nur durch die Kombination hoher wissenschaftlicher Standards mit innovativen AnsĂ€tzen können EHRs und administrative Daten ihr volles Potenzial fĂŒr die Verbesserung der Gesundheitsversorgung entfalten.

Literatur

  • Swart, E., Ihle, P., Gothe, H., & Matusiewicz, D. (Hrsg.). (2015). Routinedaten im Gesundheitswesen: Handbuch SekundĂ€rdatenanalyse: Grundlagen, Methoden und Perspektiven (2. Aufl.). Hogrefe.
  • Adler, D. (2025). Gesundheitsdaten online – Elektronische Patientenakte und Telematik: Wem gehören die Gesundheitsdaten? momox SE.
  • Ebel, T., & Trixa, J. (2015). Hinweise zur Aufbereitung quantitativer Daten (GESIS Papers 2015|09). GESIS – Leibniz-Institut fĂŒr Sozialwissenschaften. https://www.gesis.org/fileadmin/upload/forschung/publikationen/gesis_reihen/gesis_papers/GESIS-Papers_2015-09.pdf

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