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🎯 Lernziele

  • Die Bedeutung und Einsatzmöglichkeiten von SekundĂ€rdatenanalysen in der Gesundheits- und Versorgungsforschung verstehen.
  • Aufbau, Inhalte und typische Quellen von Abrechnungs- und Krankenkassendaten erklĂ€ren können.
  • Methodische, ethische und datenschutzrechtliche Anforderungen bei der Arbeit mit Routinedaten erkennen und berĂŒcksichtigen können.

1. EinfĂŒhrung

💡 Definition

Die SekundĂ€rdatenanalyse ist ein zentrales Instrument in der Versorgungsforschung. Sie ermöglicht es, auf bereits existierende Datenquellen zurĂŒckzugreifen, die ursprĂŒnglich nicht zu Forschungszwecken erhoben wurden, sondern z. B. zur Abrechnung medizinischer Leistungen, zur QualitĂ€tssicherung oder zur Steuerung des Gesundheitssystems.

Zu diesen Datenquellen zĂ€hlen insbesondere Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenkassen, DRG-Daten (Diagnosis Related Groups), Pflegestatistiken, sowie strukturierte Informationen aus dem MorbiditĂ€tsorientierten Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA). In zunehmendem Maße fließen auch Daten aus digitalen Gesundheitsanwendungen oder elektronischen Gesundheitsakten in die Forschung ein.

Solche Daten enthalten umfassende Informationen ĂŒber die tatsĂ€chliche Gesundheitsversorgung wie beispielsweise Diagnosen, Behandlungen, Arzneimittelverordnungen, Aufenthaltsdauern, Kosten und das fĂŒr Millionen von Versicherten ĂŒber mehrere Jahre hinweg. Sie bieten damit eine gute Möglichkeit, Versorgungspfade, Behandlungsmuster und VersorgungsqualitĂ€t systematisch zu analysieren. Besonders in Hinblick auf LangzeitverlĂ€ufe und großflĂ€chige Vergleiche stellen sie eine unverzichtbare Ressource dar.

2. Was sind Abrechnungs- und Krankenkassendaten?

💡 Definition

Abrechnungsdaten entstehen im Rahmen der Leistungsabrechnung zwischen medizinischen Einrichtungen (z. B. HausĂ€rzt:innen, FachĂ€rzt:innen, KrankenhĂ€usern) und den KostentrĂ€gern (z. B. gesetzliche Krankenkassen, KassenĂ€rztliche Vereinigungen).

Diese Daten unterliegen klar definierten Kodier- und Dokumentationsregeln und beinhalten u. a.:

  • Diagnosen gemĂ€ĂŸ ICD-Codierung (z. B. E11 fĂŒr Typ-2-Diabetes),
  • Prozeduren nach OPS-Codes (Operationen- und ProzedurenschlĂŒssel),
  • Medikamentenverordnungen mit ATC-Codes (Anatomisch-Therapeutisch-Chemisch-Klassifikation),
  • LeistungszeitrĂ€ume und -arten (z. B. Krankenhausaufnahme, Hausarztbesuch, Rehabilitationsleistung).

Diese Daten sind in der Regel vollstĂ€ndig digitalisiert und hochstrukturiert. Sie ermöglichen eine systematische Analyse sehr großer Patient:innenkohorten ĂŒber lange ZeitrĂ€ume. Durch ihre hohe Standardisierung eignen sie sich besonders fĂŒr quantitative Auswertungen und die Entwicklung von Versorgungsindikatoren.

Allerdings ist zu beachten: Diese Daten wurden nicht primĂ€r fĂŒr wissenschaftliche Zwecke erhoben. Ihre ursprĂŒngliche Funktion ist die Dokumentation und Abrechnung von erbrachten Leistungen. Daraus ergeben sich potenzielle Verzerrungen, z. B. Über- oder Unterdokumentation, fehlende klinische Detailinformationen oder nicht abgebildete Beratungsleistungen.

3. Typische Anwendungsfelder in der Gesundheitsforschung

SekundÀrdaten werden in der Versorgungsforschung vielseitig eingesetzt. Typische Fragestellungen sind:

  • Beschreibung von KrankheitsverlĂ€ufen (z. B. Diabetes-Management ĂŒber 10 Jahre unter Einbeziehung von Medikationsdaten, Krankenhausaufenthalten und Facharztkontakten),
  • Identifikation regionaler oder sozialer Unterschiede in der Gesundheitsversorgung (z. B. Unterschiede in der Versorgung psychischer Erkrankungen zwischen stĂ€dtischen und lĂ€ndlichen Regionen),
  • Evaluation der Effizienz und QualitĂ€t von Versorgungsmodellen (z. B. Hausarztzentrierte Versorgung, integrierte Versorgungsformen),
  • ÜberprĂŒfung der LeitlinienadhĂ€renz (z. B. medikamentöse Versorgung bei Herzinsuffizienz),
  • Kostenanalysen und gesundheitsökonomische Bewertungen (z. B. Analyse der Ausgaben fĂŒr bestimmte Indikationen oder Interventionen).

đŸ„ Praxisbeispiel

In einer groß angelegten Analyse könnten GKV-Abrechnungsdaten genutzt werden, um zu untersuchen, ob Patient:innen mit chronischer Herzinsuffizienz leitliniengerecht mit Betablockern, ACE-Hemmern und Diuretika behandelt werden.

4. Methodische Anforderungen und Herausforderungen

Die Arbeit mit Abrechnungsdaten erfordert fundierte methodische Kenntnisse und eine kritische Haltung. Folgende Anforderungen sind zentral:

  • VerstĂ€ndnis der verwendeten Kodierungssysteme (ICD, OPS, ATC) und ihrer Anwendung in der Praxis,
  • Kenntnis der Datenstruktur und der Beziehungen zwischen verschiedenen Datenquellen (z. B. stationĂ€r vs. ambulant, Verordnung vs. Einlösung),
  • Datenschutz und ethische Anforderungen, insbesondere bei der Arbeit mit personenbezogenen oder pseudonymisierten Gesundheitsdaten,
  • kritische Reflexion ĂŒber DatenqualitĂ€t und mögliche Verzerrungen, z. B. Unterdokumentation nicht-vergĂŒteter Leistungen oder strategische Kodierung.

DarĂŒber hinaus braucht es die FĂ€higkeit, komplexe VersorgungsrealitĂ€ten in analysierbare Fragestellungen zu ĂŒberfĂŒhren und die Ergebnisse verstĂ€ndlich und praxisrelevant zu interpretieren.

⚠ Wichtig

SekundĂ€rdaten bilden nur das ab, was dokumentiert und abgerechnet wurde. Sie zeigen keine subjektiven Gesundheitswahrnehmungen, LebensqualitĂ€t oder informelle Pflege – Aspekte, die fĂŒr eine ganzheitliche Betrachtung ebenfalls relevant sind.

5. Best Practices in der Versorgungsforschung

đŸ„ Best-Practice:

Erfahrene Forschungsgruppen orientieren sich an erprobten Standards. Zu den bewÀhrten Praktiken zÀhlen:

  • Verwendung vordefinierter Analyseprotokolle, um Transparenz und Reproduzierbarkeit sicherzustellen,
  • Einsatz validierter Fallselektionen und Kodieralgorithmen, die z. B. auf Literatur und Expert:innenkonsens basieren,
  • Kooperation mit Krankenkassen, Forschungsdatenzentren oder StatistikĂ€mtern, um den Zugang zu qualitĂ€tsgesicherten Daten zu gewĂ€hrleisten,
  • Ethikvotum und Datenschutzkonzepte, insbesondere bei der VerknĂŒpfung mit anderen Datenquellen,
  • InterdisziplinĂ€re Teams, die medizinische, statistische und gesundheitsökonomische Expertise vereinen.

Ein besonders wirksamer Ansatz besteht darin, verschiedene Perspektiven, wie z. B. Versorgungs-, Patient:innen- und Systemperspektiven, miteinander zu verknĂŒpfen, um ein umfassenderes Bild von VersorgungslĂŒcken und Potenzialen zu erhalten.

6. Erweiterte Datenquellen: Big Data, EHRs und Wearables

Die Versorgungsforschung entwickelt sich stetig weiter und öffnet sich zunehmend fĂŒr neue Datenquellen. In Zukunft wird es entscheidend sein, klassische SekundĂ€rdaten mit weiteren, ergĂ€nzenden Datenarten zu kombinieren:

  • Elektronische Gesundheitsakten (EHRs): Erfassen klinische Detailinformationen, MedikationsverlĂ€ufe, Laborwerte und Arztbriefe.
  • Wearables und Sensorik: Erfassen Bewegungsverhalten, Schlaf, Herzfrequenz u. a. in Echtzeit – potenziell auch fĂŒr prĂ€ventive Analysen nutzbar.
  • Mobile Gesundheitsanwendungen (Apps, DiGAs): Dokumentieren Symptome, MedikationsadhĂ€renz, Selbstmanagementverhalten.
  • Registerdaten: Hochwertige, oft indikationsspezifische DatensĂ€tze mit klar definierten Einschlusskriterien.

Diese neuen Datenarten eröffnen große Potenziale, stellen aber auch hohe Anforderungen an Datenintegration, Standardisierung und Datenschutz. Insbesondere ethische Fragen – etwa zur informierten Einwilligung und zur Datenhoheit – werden zukĂŒnftig noch stĂ€rker in den Fokus rĂŒcken.

Literatur

  • Beck, C. T. (2019). Secondary qualitative data analysis in the health and social sciences. Routledge. 
  • Boslaugh, S. (2007).Secondary data sources for public health: A practical guide. Cambridge University Press. 
  • Horenkamp-Sonntag, D. (2017). Versorgungsforschung und QualitĂ€tsmessung mit GKV-Routinedaten: Die Belastbarkeit von Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung fĂŒr die wissenschaftliche Nutzung. Nomos Verlagsgesellschaft. 
  • Swart, E., Ihle, P., Gothe, H., & Matusiewicz, D. (Hrsg.). (2014).Routinedaten im Gesundheitswesen: Handbuch SekundĂ€rdatenanalyse – Grundlagen, Methoden und Perspektiven (2., vollstĂ€ndig ĂŒberarbeitete Auflage). Verlag Hans Huber.
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