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🎯 Lernziele

  • Die Bedeutung von Befragungen als Instrument der Datenerhebung im Gesundheitswesen verstehen.
  • Zwischen verschiedenen Befragungsformen (schriftlich, mündlich, digital) unterscheiden können.
  • Aufbau, Fragetypen und Anwendung standardisierter Fragebögen in der Gesundheitsforschung einordnen können.
  • Ethische und datenschutzrechtliche Anforderungen bei der Durchführung von Befragungen kennen und anwenden können.

1. Einführung: Bedeutung von Befragungen im Gesundheitswesen

Befragungen sind ein zentrales Instrument der Datenerhebung im Gesundheitswesen. Sie ermöglichen es, subjektive Einschätzungen, Erfahrungen und Bedürfnisse von Patient:innen, Angehörigen oder Fachpersonal systematisch zu erfassen. Für Gesundheitspersonal sind Kenntnisse zu Befragungsmethoden essenziell, um Versorgungsqualität zu evaluieren, Bedarfe zu identifizieren und evidenzbasierte Maßnahmen abzuleiten.

2. Was ist eine Befragung?

Eine Befragung ist eine Methode zur systematischen Erhebung von Meinungen, Erfahrungen, Einschätzungen oder Fakten von Einzelpersonen oder Gruppen. Sie kann schriftlich (z. B. Fragebogen), mündlich (Interview), telefonisch oder digital erfolgen. Im Gesundheitsbereich werden Befragungen zum Beispiel eingesetzt, um:

  • die Lebensqualität chronisch kranker Menschen zu erfassen (z. B. SF-36, EQ-5D),

  • Gesundheitsverhalten (z. B. Rauchen, Bewegung, Ernährung) zu dokumentieren,

  • Patient:innenzufriedenheit und Versorgungsqualität zu messen,

  • Einstellungen und Belastungen von Fachpersonal zu untersuchen,

  • psychische Belastungen (z. B. DASS-21 während COVID-19) zu evaluieren,

  • Erfahrungen mit digitalen Gesundheitsangeboten zu erheben.

⚠️ Wichtig

Die Auswahl der Befragungsmethode hängt von der Zielgruppe, der Fragestellung und den Ressourcen ab. Qualitative Interviews bieten z.B. tiefere Einblicke, während standardisierte Fragebögen große Stichproben vergleichbar machen. Alle Informationen zur qualitativen Datenerhebung befinden sich in einem weiteren Lernmodul.

3. Was ist ein quantitativer Fragebogen?

Die Entwicklung von Fragebögen ist ein komplexer und aufwändiger Prozess. Sie erfordert ein tiefes Verständnis psychometrischer Prinzipien sowie eine sorgfältige Planung, Pretesting und Validierung. Eine einfache Zusammenstellung von Fragen ohne methodische Grundlage führt häufig zu unzuverlässigen und nicht interpretierbaren Ergebnissen. Daher gilt:

Entweder wird ein Fragebogen vollständig neu entwickelt (inklusive Skalenentwicklung, Reliabilitäts- und Validitätstests, Pretest und ggf. Itemanalyse) oder es sollte auf etablierte, wissenschaftlich geprüfte Instrumente zurückgegriffen werden.

Die Entwicklung eigener Skalen kann sinnvoll sein, wenn keine passenden Instrumente vorhanden sind, erfordert jedoch umfangreiche methodische Expertise, idealerweise unter Einbezug von Fachexpertise, Zielgruppenfeedback und statistischer Modellierung (z. B. Item Response Theory oder Faktorenanalyse). Ein Fragebogen ist ein standardisiertes Erhebungsinstrument mit vorformulierten Fragen, das zur schriftlichen oder digitalen Selbstauskunft verwendet wird. Er eignet sich besonders zur Erhebung großer Fallzahlen mit geringem Ressourceneinsatz.

Typische Fragetypen

  • Geschlossene Fragen (z. B. Ja/Nein)

  • Offene Fragen (freie Antwort)

  • Skalierungsfragen (z. B. Schmerzskalen)

  • Matrixfragen/Likert-Skalen (z. B. Zustimmung von 1–5)

4. Beispiele für die Anwendung in der Gesundheitsforschung

📘 Beispiel - Patient:innenzufriedenheit in der ambulanten Versorgung

Regelmäßige Patient:innenbefragungen mit standardisierten Fragebögen, wie dem ZAP-Fragebogen, dienen der Qualitätssicherung und Identifikation von Verbesserungsbedarf in Haus- und Facharztpraxen.

Quelle:
Kassenärztliche Bundesvereinigung. (o.J.). Patientenbefragungen (Qualitätsmanagement) – ZAP-Fragebogen. https://www.kbv.de/html/6332.php

📘 Beispiel - Bevölkerungsweite Gesundheitsbefragung

Das Robert Koch-Institut nutzt den GEDA-Fragebogen zur Erhebung von Gesundheitsverhalten, chronischen Erkrankungen und Inanspruchnahme des Gesundheitssystems in der deutschen Bevölkerung.

Quelle:
Robert Koch-Institut. (2021). Fragebogen zur Studie Gesundheit in Deutschland aktuell: GEDA 2019/2020-EHIS – Supplement – JoHM 3/2021. https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Journal-of-Health-Monitoring/GBEDownloadsJ/Supplement/JoHM_03_2021_Fragebogen_GEDA_2019_2020_EHIS.html

📘 Beispiel - Patient-Reported Outcome Measures (PROMs) in der Endoprothetik

Zur Bewertung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität nach Gelenkersatz werden international validierte PROMs-Fragebögen wie der EQ-5D eingesetzt.

Quelle:
EuroQol Research Foundation. (2019). EQ-5D-5L User Guide: Basic information on how to use the EQ-5D-5L instrument. https://euroqol.org/publications/user-guides

📘 Beispiel - Mitarbeiterzufriedenheit und Arbeitsklima im Krankenhaus

Mitarbeiter:innenbefragungen mit standardisierten Instrumenten wie der Copenhagen Psychosocial Questionnaire (COPSOQ) erfassen Arbeitsbelastung, Teamklima und Führung.

Quelle:
COPSOQ International Network. (o.J.). Copenhagen Psychosocial Questionnaire (COPSOQ). https://www.copsoq-network.org/

5. Vorteile von Fragebögen

  • Kostengünstig bei großen Stichproben

  • Standardisierte Erhebung ermöglicht Vergleichbarkeit

  • Anonymität fördert ehrliche Antworten

  • Kombination mit anderen Datenquellen möglich

6. Herausforderungen und Grenzen

  • Geringe Rücklaufquoten

  • Missverständliche Fragen bei geringer Gesundheitskompetenz

  • Verzerrungen durch soziale Erwünschtheit

  • Technologische Barrieren bei digitalen Befragungen

7. Praxisbeispiele

🏥 Praxisbeispiele

  • Mehrsprachige Fragebögen erhöhen die Beteiligung von Patient:innen mit Migrationshintergrund.

  • Digitale Fragebögen ermöglichen automatische Auswertung und Integration in Patientenakten.

  • Kombination von Fragebögen mit Wearable-Daten liefert umfassendere Informationen.

8. Ethik und Datenschutz

Beim Erheben von Daten im Rahmen von Umfragen ist der Datenschutz ein zentrales Thema. Grundsätzlich gilt: Die Teilnahme an einer Umfrage muss freiwillig erfolgen. Niemand darf zur Teilnahme gedrängt oder benachteiligt werden, wenn er oder sie sich dagegen entscheidet. Idealerweise erfolgt die Datenerhebung anonym, das heißt, es können keine Rückschlüsse auf einzelne Personen gezogen werden. Ist eine vollständige Anonymität nicht möglich, müssen die Daten zumindest pseudonymisiert werden, sodass persönliche Informationen nicht ohne Weiteres einer Person zugeordnet werden können.

Ebenso wichtig ist eine klare und transparente Information der Teilnehmenden. Bevor eine Umfrage beginnt, müssen alle Personen verständlich darüber aufgeklärt werden, zu welchem Zweck die Daten erhoben werden, wie sie verarbeitet und gespeichert werden und wer Zugriff auf die Daten hat. Nur wenn diese Informationen bereitgestellt wurden und die Teilnehmenden aktiv eingewilligt haben, zum Beispiel durch das Ankreuzen eines Kästchens, darf die Umfrage durchgeführt werden. Diese Einwilligung muss freiwillig, informiert und widerrufbar sein.

Auch die sichere Speicherung der erhobenen Daten ist verpflichtend. Dabei müssen technische und organisatorische Maßnahmen getroffen werden, um die Daten vor unbefugtem Zugriff, Verlust oder Missbrauch zu schützen. Dazu zählen unter anderem verschlüsselte Speicherorte, Zugangsbeschränkungen und regelmäßige Sicherheitsprüfungen. Nur autorisierte Personen dürfen Zugriff auf die Daten erhalten, und es muss genau dokumentiert werden, wie lange die Daten gespeichert werden und wann sie gelöscht werden.

Diese Grundsätze bilden die Basis für einen verantwortungsvollen und datenschutzkonformen Umgang mit personenbezogenen Informationen in Umfragen. Sie sind nicht nur gesetzlich vorgeschrieben (z. B. durch die Datenschutz-Grundverordnung, DSGVO), sondern auch essenziell, um das Vertrauen der Teilnehmenden zu sichern und ethisch korrekt zu handeln.

9. Neuartige Datenquellen

Digitale Technologien (z. B. Fitness-Tracker, Apps, EHRs) eröffnen neue Möglichkeiten, erfordern aber auch neue methodische und ethische Standards (z. B. zur Datenintegration und zum Datenschutz).

🧠 Beispiel:

  • Kombination von Fitbit-Daten mit Selbstbericht zur körperlichen Aktivität (IPAQ) zur besseren Beurteilung der Alltagsbewegung.

  • Experience Sampling über Smartphones zur tagesaktuellen Erhebung von Stimmung bei Patient:innen mit Depressionen.

  • Rückmeldung zur Versorgung direkt nach Krankenhausentlassung über Patientenportal (z. B. PROMs nach Knie-OP).

10. Literatur

  • Bortz, J., & Döring, N. (2016). Forschungsmethoden und Evaluation: Für Human- und Sozialwissenschaftler (5. Aufl.). Springer.
  • Bowling, A. (2014). Research Methods in Health: Investigating Health and Health Services (4th ed.). Open University Press.
  • DeVellis, R. F. (2017). Scale Development: Theory and Applications (4th ed.). Sage.
  • Krell, C. & Lamnek, S. (2016). Qualitative Sozialforschung: Methoden, Forschungspraxis, Handbuch (6. Aufl.). Beltz Juventa.
  • Streiner, D. L., Norman, G. R., & Cairney, J. (2015). Health Measurement Scales: A Practical Guide to Their Development and Use (5th ed.). Oxford University Press.

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Última modificación: lunes, 23 de marzo de 2026, 11:58