🔊

Audio

Hier kannst du dir den Selbstlerntext vorlesen lassen.

🎯 Lernziele

  • Die Relevanz von Daten, Variablen und Skalenniveaus fĂŒr die Gesundheitsversorgung verstehen.
  • Zwischen unterschiedlichen Skalenniveaus (nominal, ordinal, intervall, verhĂ€ltnis) unterscheiden können.
  • Prozessmodelle in einfache Datenmodelle mit geeigneten Variablen ĂŒberfĂŒhren können.
  • Geeignete Datenquellen und Erhebungsmethoden fĂŒr verschiedene Fragestellungen auswĂ€hlen und begrĂŒnden können.

Relevanz von Daten, Variablen und Erhebungsmethoden in der Gesundheitsversorgung

Die FĂ€higkeit, Daten systematisch zu erheben, zu modellieren und zu interpretieren, ist heute eine zentrale Kompetenz in der Gesundheitsversorgung und Versorgungsforschung. Nur wer versteht, wie Variablen definiert und gemessen werden, kann die QualitĂ€t der Versorgung wissenschaftlich fundiert bewerten und verbessern. Unterschiedliche Skalenniveaus und Datentypen bestimmen dabei, welche Methoden zur Analyse geeignet sind und welche Aussagen ĂŒberhaupt getroffen werden dĂŒrfen. Gerade im Gesundheitswesen, wo komplexe Prozesse und vielfĂ€ltige Perspektiven aufeinandertreffen, ist es essenziell, Datenmodelle zu entwickeln, die sowohl objektive MessgrĂ¶ĂŸen als auch subjektive EinschĂ€tzungen, etwa durch Patient-Reported Outcome Measures (PROMs) und Patient-Reported Experience Measures (PREMs), berĂŒcksichtigen. Nur so lĂ€sst sich ein umfassendes Bild der VersorgungsrealitĂ€t abbilden und evidenzbasierte Entscheidungen treffen.

Die Auswahl geeigneter Datenquellen und Erhebungsmethoden ist dabei ebenso entscheidend wie die FĂ€higkeit, verschiedene Perspektiven von Patient:innen, Versorgenden und weiteren Akteuren einzubeziehen. Standardisierte und gut dokumentierte Datenmodelle ermöglichen nicht nur Vergleiche und QualitĂ€tsanalysen, sondern sind auch Voraussetzung fĂŒr die Entwicklung innovativer VersorgungsansĂ€tze und die Nutzung neuer Technologien wie Big Data und digitale Gesundheitsanwendungen

Diese Selbstlerneinheit vermittelt die grundlegenden Begriffe und Methoden, die notwendig sind, um Daten in der Gesundheitsversorgung sinnvoll zu erfassen, zu modellieren und zu nutzen und legt damit das Fundament fĂŒr eine moderne, patientenzentrierte und wissenschaftlich fundierte Versorgungspraxis

1. Was ist eine Variable?

💡 Definition

Eine Variable ist ein Merkmal, das gemessen oder beobachtet werden kann z. B. Alter, Blutdruck oder Diagnose. Sie kann verschiedene Werte annehmen und wird nach ihrem Skalenniveau unterschieden.

Eine Variable ist ein Merkmal, das gemessen oder beobachtet werden kann. In der Forschung spricht man hĂ€ufig von Variablen, wenn man z. B. das Alter, den Blutdruck oder die Diagnose einer Person erfasst. Variablen können verschiedene Werte annehmen und unterscheiden sich in ihrem Skalenniveau, also in der Art und Weise, wie ihre Werte interpretiert werden können.

đŸ„ Beispiele aus dem Gesundheitswesen:

  • Alter → metrisch skaliert (z. B. 45 Jahre)

  • Diagnose (z. B. ICD-10-Code) → nominal skaliert

  • SchmerzstĂ€rke auf einer Skala von 1–10 → ordinal skaliert

2. Welche Skalenniveaus gibt es?

Das Skalenniveau einer Variable entscheidet darĂŒber, welche statistischen Methoden zur Auswertung verwendet werden dĂŒrfen. Es gibt vier klassische Skalenniveaus (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1: Übersicht ĂŒber verschiedene Skalenniveaus mit typischen Eigenschaften und Beispielen
Skalenniveau Eigenschaft Beispiel
Nominal Nur Kategorien, keine Reihenfolge Geschlecht, Blutgruppe
Ordinal Rangfolge ohne gleichen Abstand Pflegegrad, Schmerzskala
Intervall Gleiche AbstÀnde, kein Nullpunkt Temperatur (°C)
VerhÀltnis Gleiche AbstÀnde, mit Nullpunkt Alter, Gewicht

3. Von Prozessen zu Datenmodellen

In der Versorgung treffen wir auf viele Prozessmodelle, z. B. den Ablauf eines Reha-Aufenthalts oder die Schritte einer Diabetesbehandlung. Damit diese Prozesse quantitativ erfassbar und analysierbar werden, mĂŒssen sie in Datenmodelle ĂŒberfĂŒhrt werden.

🧠 Beispiel:

Ein Prozessmodell beschreibt den Ablauf einer physiotherapeutischen Behandlung:

  1. Ärztliche Verordnung

  2. ErstgesprÀch mit Physiotherapeut:in

  3. DurchfĂŒhrung von 10 Einheiten

  4. Abschlussdokumentation

FĂŒr ein Datenmodell wĂŒrden wir daraus z. B. folgende Variablen ableiten:

  • Patient:innen-ID

  • DiagnoseschlĂŒssel (ICD-10)

  • Anzahl Einheiten

  • Therapiebeginn

  • Therapierende Person

  • Therapieergebnis (z. B. Schmerzreduktion auf Skala)

Solche Datenmodelle helfen uns, Muster zu erkennen, Ergebnisse zu vergleichen und evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen.

4. Welche Daten passen zu welcher Frage?

Nicht jede Fragestellung lÀsst sich mit jeder Art von Daten beantworten. Hier ist es wichtig, kritisch zu beurteilen, welche Datenart, welche Datenquelle und welches Erhebungsverfahren geeignet sind.

🧠 Beispiel

  • Fragestellung: Verbessert eine strukturierte Entlassung aus dem Krankenhaus die Versorgung von Ă€lteren Patient:innen zu Hause?

  • Mögliche Datenquellen:

    • PrimĂ€rdaten (eigene Befragung der Patient:innen)

    • SekundĂ€rdaten (Krankenkassendaten zur Wiedereinweisungsrate)

Hier ist die FĂ€higkeit gefragt, Datenquellen kritisch zu bewerten und sinnvolle Kombinationen zu entwickeln.

5. PROMs und PREMs: Die Perspektive der Patient:innen in der Datenerhebung

Im klassischen medizinischen Kontext wird der Gesundheitszustand primĂ€r durch objektive Parameter wie Laborwerte, physiologische MessgrĂ¶ĂŸen, Leistungsindikatoren oder durch Fremdbeurteilungen durch Behandelnde bestimmt. In der modernen Gesundheitsversorgung, insbesondere in der patientenzentrierten Forschung und Praxis, spielt jedoch auch die subjektive Sichtweise der Patien:tinnen eine zentrale Rolle. Diese Sichtweise muss systematisch und wissenschaftlich fundiert erfasst werden, um ein vollstĂ€ndiges Bild der VersorgungsrealitĂ€t zu erhalten.

HierfĂŒr wurden zwei wesentliche Konzepte etabliert: Patient-Reported Outcome Measures (PROMs) und Patient-Reported Experience Measures (PREMs).

💡 Definition

PROMs sind standardisierte Instrumente, mit denen Patient:innen selbst ihre GesundheitszustÀnde einschÀtzen, etwa bezogen auf Schmerzen, MobilitÀt, psychisches Wohlbefinden oder LebensqualitÀt.


PROM-Angaben erfolgen unabhĂ€ngig von medizinischem Personal und sind nicht interpretierbar oder verĂ€nderbar durch Dritte. PROMs ergĂ€nzen somit objektive medizinische Daten um die subjektive Komponente der Gesundheitswahrnehmung. Gerade bei chronischen Erkrankungen oder in der Reha-Versorgung ist die gesundheitsbezogene LebensqualitĂ€t ein entscheidender Outcomeparameter, der z. B. im Sozialgesetzbuch (§ 35b SGB V) ausdrĂŒcklich berĂŒcksichtigt wird.

💡 Definition

PREMs beziehen sich auf die Erfahrungen von Patient:innen im Versorgungsprozess.


PREMs beschreiben, wie Patient:innen die Kommunikation mit Behandelnden, die Wartezeiten, die organisatorischen AblĂ€ufe oder die Einbindung in Entscheidungen erleben. PREMs tragen damit zur Bewertung von Struktur- und ProzessqualitĂ€t aus Nutzendensicht bei und liefern Hinweise fĂŒr Verbesserungsmaßnahmen.

Neben der Perspektive der Patient:innen sind auch die Sichtweisen der Versorgenden fĂŒr eine vollstĂ€ndige Beurteilung der Versorgung unerlĂ€sslich. Besonders bei strukturellen und organisatorischen Themen wie VerĂ€nderungsbereitschaft, interprofessioneller Zusammenarbeit oder FĂŒhrungsverhalten können nur die in der Versorgung TĂ€tigen valide Aussagen treffen. Durch den Abgleich von EinschĂ€tzungen beider Gruppen, also Patient:innen und Versorgenden, entsteht ein differenziertes Bild, das Verzerrungen durch Einzelperspektiven reduziert und die Basis fĂŒr gezielte Interventionen zur QualitĂ€tsverbesserung bildet.

6. Überblick ĂŒber Erhebungsmethoden

Je nach Forschungsfrage kommen unterschiedliche Datenerhebungsmethoden zum Einsatz. Diese lassen sich grob in vier Kategorien einteilen:

  1. PrimĂ€rdatenerhebung: Hierbei werden Daten gezielt neu erhoben z. B. durch Befragungen, Beobachtungen oder Messungen im Rahmen einer Studie. Diese Methode ist aufwendig, bietet aber die höchste Kontrolle ĂŒber die DatenqualitĂ€t.

  2. SekundĂ€rdatennutzung: Hier greift man auf bereits vorhandene Daten zurĂŒck, etwa auf Krankenkassendaten, Krankenhausdokumentationen oder Registerdaten. Diese Methode ist besonders in der Versorgungsforschung relevant und kosteneffizient, erfordert aber ein gutes VerstĂ€ndnis der Datenstruktur.

Es gibt zudem besondere Formen der Datenerhebung, welche PrimÀrdaten oder auch SekundÀrdaten enthalten können:

  1. Technologie- und Big-Data-gestĂŒtzte Methoden: Dazu zĂ€hlen z. B. Daten aus Wearables, Apps, elektronischen Gesundheitsakten (EHRs) oder aus dem Internet der Dinge. Sie ermöglichen kontinuierliche, großvolumige Datenerhebungen und sind fĂŒr innovative Forschungsfragen zunehmend bedeutend.

  2. Metaanalysen und Langzeitstudien: Diese nutzen entweder systematisch zusammengetragene Ergebnisse vieler Studien (Metaanalyse) oder begleiten Personen ĂŒber lange ZeitrĂ€ume hinweg (z. B. Kohortenstudien). Sie liefern besonders robuste Erkenntnisse, sind aber methodisch anspruchsvoll.

Alle diese Methoden haben ihre Vor- und Nachteile und werden in den folgenden Modulen noch detailliert behandelt.

7. Perspektiven einbeziehen und Best-Practices nutzen

Gute Datenmodelle entstehen nicht im stillen KĂ€mmerlein. Sie entstehen durch die Einbeziehung verschiedener Perspektiven z. B. der Pflege, der HausĂ€rzt:innen oder der IT und durch die Anwendung von Best Practices aus der Versorgungsforschung.

đŸ„ Beispiel fĂŒr Best-Practice:

  • Die Standardisierung von Variablenbezeichnungen (z. B. nach SNOMED CT oder ICD) erhöht die Vergleichbarkeit.

  • Die Trennung von Identifikations- und Versorgungsdaten verbessert den Datenschutz.

8. Fazit

Daten-Anwendung und Modellierung sind der erste wichtige Schritt, um Daten sinnvoll zu nutzen. Von der Definition einer Variable ĂŒber die Wahl der geeigneten Datenquellen bis hin zur Modellierung komplexer Versorgungsprozesse. All das sind essenzielle Kompetenzen in der modernen Gesundheitsforschung. Wer diese Grundlagen beherrscht, kann nicht nur Daten analysieren, sondern auch Forschung und Versorgung mitgestalten.

Literatur

  • Bortz, J., & Döring, N. (2006). Forschungsmethoden und Evaluation: FĂŒr Human- und Sozialwissenschaftler (4. Aufl.). Springer.
  • Mehl, M. R., & Conner, T. S. (2013). Handbook of research methods for studying daily life. Guilford Press.
  • Wilson, L. A. (2019). Quantitative Research. In P. Liamputtong (Hrsg.), Handbook of Research Methods in Health Social Sciences (S. 27–49). Springer Singapore. https://doi.org/10.1007/978-981-10-5251-4_54
  • Wirtz, M. A., Farin-Glattacker, E., & Koller, M. (2024). Quantitative DatenzugĂ€nge und Erhebungsmethoden. In H. Pfaff, E. A. Neugebauer, N. Ernstmann, M. HĂ€rter, & F. Hoffmann (Hrsg.), Versorgungsforschung (Kap. 15). Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-658-42863-1_15

Logo des Projekts DIM-Ruhr
Logo des Förderers Bundesministerium fĂŒr Forschung, Technologie und Raumfahrt
Creative Commons Lizenz BY 4.0

 Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (CC BY 4.0) .

UniversitÀt Witten/Herdecke, Projekt DIM-Ruhr

Last modified: Monday, 23 March 2026, 11:57 AM