FĂŒr Vektoren im Raum gibt es eine weitere VerknĂŒpfungsmöglichkeit, das Kreuzprodukt. Es hat die Eigenschaften, dass zwei Vektoren \(\vec{a}\) und \(\vec{b}\) ein dritter Vektor \(\vec{a}\times \vec{b}\) zugeordnet wird, der senkrecht auf derjenigen Ebene steht, die \(\vec{a}\) und \(\vec{b}\) enthĂ€lt.

Definition (Kreuzprodukt):
Seien \(\vec{a},\vec{b}\in \mathbb {R}^3\). Dann heißt der Vektor

\(\vec{a}\times\vec{b}=\left(\begin{array}{r}a_1\\a_2\\a_3\end{array}\right)\times\left(\begin{array}{r}b_1\\b_2\\b_3\end{array}\right)=\left(\begin{array}{r}a_2b_3-a_3b_2\\a_3b_1-a_1b_3\\a_1b_2-a_2b_1\end{array}\right)\)

Kreuzprodukt oder Vektorprodukt von \(\vec{a}\) und \(\vec{b}\).


Die Rechenvorschrift kann man sich etwas leichter anhand des Schemas

Figures/kreuzproduktschema

merken, bei dem man die beiden ersten Komponenten der Vektoren noch einmal hinschreibt, und dann die Komponenten des Kreuzprodukts als "‘Produkte ĂŒber Kreuz"’ berechnet.

Anregung:
Überzeugen Sie sich davon, dass \(\vec{a}\times \vec{b}\) wirklich senkrecht auf \(\vec{a}\) steht, indem Sie das Skalarprodukt \((\vec{a}\times \vec{b})\cdot \vec{a}\) berechnen.

Beispiel (Drehmoment):
Greift an einem Angriffspunkt \(P\) eine Kraft \(\vec{F}\) an, dann ist das Drehmoment \(\vec{M}_ P= \vec{p}\times \vec{F}\) von \(\vec{F}\) bezĂŒglich \(0\) definiert ĂŒber das Kreuzprodukt zwischen dem Ortsvektor \(\vec{p}\) und dem Kraftvektor. Die Richtung des Drehmoments ist die (momentane) Drehachse.

Figures/drehmoment


Ein weiteres Beispiel aus der Physik, bei dem das Kreuzprodukt auftritt, ist die Lorentz-Kraft \(\vec{F} = q(\vec{v} \times \vec{B})\), die von einem Magnetfeld der Induktion \(\vec{B}\) auf eine Ladung \(q\) ausgeĂŒbt wird, wenn diese sich mit der Geschwindigkeit \(\vec{v}\) im Magnetfeld bewegt.

Satz:

Sind \(\vec{a}\) und \(\vec{b}\) zwei Vektoren im \(\mathbb {R}^3\), dann ist

\(|\vec{a}\times\vec{b}|=|\vec{a}|\cdot|\vec{b}|\cdot\sin\alpha\)

wobei \(\alpha\) der Winkel zwischen den Vektoren \(\vec{a}\) und \(\vec{b}\) ist.

Außerdem ist \(|\vec{a}\times \vec{b}|\) der FlĂ€cheninhalt des von \(\vec{a}\) und \(\vec{b}\) aufgespannten Parallelogramms.

Figures/parallelogramm

Beweis: Wir berechnen

\( \begin{align*} |\vec{a}\times\vec{b}|^2&=(\vec{a}\times\vec{b})\cdot(\vec{a}\times\vec{b})\\&=(a_2b_3-a_3b_2)^2+(a_3b_1-a_1b_3)^2+(a_1b_2-a_2b_1)^2\\&=(a_1^2+a_2^2+a_3^2)(b_1^2+b_2^2+b_3^2)-(a_1b_1+a_2b_2+a_3b_3)^2\\&=|\vec{a}|^2\cdot|\vec{b}|^2-\left(\vec{a}\cdot\vec{b}\right)^2\\&=|\vec{a}|^2\cdot|\vec{b}|^2-\left(|\vec{a}|\cdot|\vec{b}|\cos(\alpha)\right)^2\\&=|\vec{a}|^2\cdot|\vec{b}|^2\cdot\underbrace{(1-\cos^2(\alpha))}_{=\sin^2(\alpha)}\\&=\left(|\vec{a}|\cdot|\vec{b}|\cdot\sin(\alpha)\right)^2 \end{align*} \)


Da \(\alpha \) zwischen \(0\) und \(\pi\) liegt, ist \(\sin (\alpha)\) positiv und wenn man die Wurzel auf beiden Seiten der Ungleichung zieht, erhÀlt man

\(|\vec{a}\times\vec{b}|=|\vec{a}|\cdot|\vec{b}|\cdot\sin(\alpha)\)

Der FlĂ€cheninhalt des Parallelogramms ist "‘Grundseite mal Höhe"’, also ebenfalls

\(|\vec{a}|\cdot h=|\vec{a}|\cdot(|\vec{b}|\,\sin(\alpha))\)

?

Die folgenden Rechenregeln ergeben sich zwar ohne großen Aufwand aus der Definition des Kreuzprodukts, man sollte sie sich aber gut einprĂ€gen, da sie teilweise anders sind, als man dies vom "‘normalen"’ produkt zweier Zahlen gewohnt ist.

Satz:
Seien \(\vec{a},\vec{b},\vec{c}\) und \(\vec{d}\) Vektoren im \(\mathbb {R}^3\). Dann gilt:
  • \(\vec{a}\times \vec{a} = \vec{0}\) fĂŒr jeden Vektor \(\vec{a}\)

  • \(\vec{a}\times \vec{b} = -\vec{b}\times \vec{a}\)

  • \(\vec{a}\times (\vec{b} \times \vec{c}) = (\vec{a}\cdot \vec{c})\vec{b}- (\vec{a}\cdot \vec{b})\vec{c}\)

  • \((\vec{a}\times \vec{b})\cdot (\vec{c} \times \vec{d}) = (\vec{a}\cdot \vec{c})(\vec{b}\cdot \vec{d})- (\vec{a}\cdot \vec{d})(\vec{b}\cdot \vec{c})\)


Insbesondere ist

\((\vec{a}\times\vec{b})\times\vec{c}=-\vec{c}\times(\vec{a}\times\vec{b})=-(\vec{c}\cdot\vec{b})\vec{a}+(\vec{c}\cdot\vec{a})\vec{b}\neq\vec{a}\times(\vec{b}\times\vec{c})\)

Das Spatprodukt

Definition (Spatprodukt):
FĂŒr drei Vektoren \(\vec{a},\vec{b},\vec{c}\in \mathbb {R}^3\) das Spatprodukt \([\vec{a},\vec{b},\vec{c}]\) definiert als

\([\vec{a},\vec{b},\vec{c}]=\vec{a}\cdot(\vec{b}\times\vec{c})\)


Geometrisch gibt \(|[\vec{a},\vec{b},\vec{c}]|\) das Volumen des Spats (oder Parallelepipeds, Parallelotop) an, das von den drei Vektoren \(\vec{a}\), \(\vec{b}\) und \(\vec{c}\) aufgespannt wird:

Figures/spat

Dabei handelt es sich um die rĂ€umliche Variante eines Parallelogramms, d.h. die sechs SeitenflĂ€chen sind drei Paare von kongruenten, parallelen Parallelogrammen. FĂŒr das Spatprodukt gelten die folgenden Rechenregeln:

Satz :
  1. Wenn einer der Vektoren mit der Zahl \(\lambda\) multipliziert wird, dann wird auch das Spatprodukt mit \(\lambda\) multipliziert:

    \([\lambda\vec{a},\vec{b},\vec{c}]=[\vec{a},\lambda\vec{b},\vec{c}]=[\vec{a},\vec{b},\lambda\vec{c}]=\lambda\cdot[\vec{a},\vec{b},\vec{c}]\)

  2. Das Spatprodukt bleibt unverÀndert, wenn man zu einem der Vektoren einen der beiden anderen addiert:

    \([\vec{a},\vec{b}+\vec{a},\vec{c}]=[\vec{a},\vec{b},\vec{c}+\vec{a}]=[\vec{a}+\vec{b},\vec{b},\vec{c}]=\dots=[\vec{a},\vec{b},\vec{c}]\)

  3. FĂŒr die Standardeinheitsvektoren gilt

    \([\vec{e}_1,\vec{e}_2,\vec{e}_3]=1.\)

Beweis durch Nachrechnen:

  1. nur fĂŒr die ersten beiden Varianten:

    \([\lambda\vec{a},\vec{b},\vec{c}]=\lambda\vec{a}\cdot(\vec{b}\times\vec{c})=\lambda[\vec{a},\vec{b},\vec{c}]\)

    \([\vec{a},\lambda\vec{b},\vec{c}]=\vec{a}\cdot(\lambda\vec{b}\times\vec{c})=\vec{a}\cdot\lambda(\vec{b}\times\vec{c})=\lambda\cdot[\vec{a},\vec{b},\vec{c}]\)

  2. auch hier nur exemplarisch ein Fall:

    \([\vec{a},\vec{b}+\vec{a},\vec{c}]=\vec{a}\cdot((\vec{b}+\vec{a})\times\vec{c})=\vec{a}\cdot(\vec{b}\times\vec{c}+\vec{a}\times\vec{c})=\vec{a}\cdot(\vec{b}\times\vec{c})+\underbrace{\vec{a}\cdot(\vec{a}\times\vec{c})}_{=0}=[\vec{a},\vec{b},\vec{c}]\)

    da der Vektor \(\vec{a}\times \vec{c}\) senkrecht zu \(\vec{a}\) ist.

  3. Direkt nachrechnen:

    \([\vec{e}_1,\vec{e}_2,\vec{e}_3]=\vec{e}_1\cdot(\underbrace{\vec{e}_2\times \vec{e}_3}_{=\vec{e}_1})= 1\)

□

Bemerkung :
  1. Es ist \([\vec{a},\vec{b},\vec{c}] = 0\) genau dann, wenn die drei Vektoren \(\vec{a},\vec{b}\) und \(\vec{c}\) in einer Ebene liegen. Man kann also mit Hilfe des Spatprodukts ĂŒberprĂŒfen, ob drei Vektoren im \(\mathbb{R}^3\) linear unabhĂ€ngig sind oder nicht.
  2. Das Spatprodukt lÀsst sich auch mit Hilfe von Determinanten (siehe Kapitel 6) berechnen:

    \([\vec{a},\vec{b},\vec{c}]=\det\left(\begin{array}{ccc}a_1&b_1&c_1\\a_2&b_2&c_2\\a_3&b_3&c_3\end{array}\right)\)

Bemerkung:
Mit Hilfe des Spatprodukts kann man auch die Volumina von Tetraedern (= ein Sechstel des Volumens eines Spats) berechnen.

Ultime modifiche: mercoledĂŹ, 23 gennaio 2019, 16:18