Zahlen spielen in fast allen Bereichen der Angewandten Mathematik eine wichtige Rolle. Wir werden Sie sowohl in der Analysis als auch in der analytischen Geometrie verwenden. Aus der Schule kennen Sie (mindestens) die

  • natĂŒrlichen Zahlen \(\mathbb{N}=\{ 1,2,3,\ldots \}\),

  • ganzen Zahlen \(\mathbb{Z}=\{ \dots , -3,-2,-1,0,1,2,3,\dots \}\),

  • rationalen Zahlen \(\mathbb{Q}\) (Bruchzahlen) und die

  • reellen Zahlen \(\mathbb{R}\)

Neu hinzu kommen am Ende dieses Kapitels die komplexen Zahlen .

\(\mathbb{N},\mathbb{Z},\mathbb{Q}\) und \(\mathbb{R}\) sind Beispiele fĂŒr Mengen .

Bei $\mathbb{Q}$ und $\mathbb{R}$ ist es schwieriger oder sogar unmöglich, alle Elemente der Reihe nach systematisch aufzuzÀhlen, aber man kann \(\mathbb{Q}\) zum Beispiel angeben durch die Eigenschaft,

\(\mathbb{Q}=\left\{\displaystyle\frac{p}{q};\;p,q\in\mathbb{Z}\right\}\)

die in Worte ĂŒbersetzt bedeutet, dass jede rationale Zahl der Quotient von zwei ganzen Zahlen ist.

Tipp am Rande:
In vielen FĂ€llen werden Formeln aus der Mathematikvorlesung weder in der Vorlesung noch im Skript noch im Mathebuch in eine umgangssprachliche Form ĂŒbersetzt. Das liegt unter anderem daran, dass die Mathematiker befĂŒrchten, ihre Definitionen könnten durch die umgangssprachliche Formulierung an PrĂ€zision verlieren. Trotzdem sollte man sich immer klarzumachen, was eine Formel in einer Aufgabe oder im Skript genau "'bedeutet"' und wie sie sich in Worten beschreiben lĂ€sst.

Eine andere Charakterisierung der rationalen Zahlen ist Ihnen vielleicht aus der Schule gelÀufig: \(\mathbb{Q}\) enthÀlt alle Zahlen, deren Dezimalentwicklung entweder abbricht oder ab irgendeiner Stelle periodisch ist. Dazu gehören beispielsweise

$$\begin{array}{rcl}\displaystyle\frac{121}{50}&=&\displaystyle\frac{242}{100}=2.42,\;\;\;\;\;\displaystyle\frac{17}{99}=0.17171717\ldots=0.\overline{17}\\&&\\\displaystyle\frac{3}{14}&=&0.2142857142857142857\ldots=0.2\overline{142857}\end{array}$$

Im Gegensatz dazu sind die Irrationalzahlen diejenigen Zahlen, deren Dezimalentwicklung nicht abbricht und auch nie periodisch wird. Beispiele hierfĂŒr sind Wurzeln wie $\sqrt {2} = 1.4142135\ldots$, Logarithmen wie $\ln 2=0.693147\ldots $ oder die Zahl $\pi = 3.14159265\ldots$, die unter anderem bei der Berechnung von Kreisumfang, KreisflĂ€che und Kugelvolumen auftritt.

Man kann sich ĂŒberlegen, dass zwischen zwei beliebigen Bruchzahlen \(\frac{p}{q}\) und $\frac{r}{s}$ immer eine irrationale Zahl $\gamma $ liegt (in Wahrheit sogar unendlich viele). Die Menge der rationalen Zahlen ist daher in einem nicht sehr anschaulichen Sinne voller "LĂŒcken".

Rationale und irrationale Zahlen zusammen bilden die Menge $\mathbb{R}$ der reellen Zahlen. Diese Menge der reellen Zahlen weist keine "'LĂŒcken"' mehr auf und bietet daher fĂŒr die Mathematik entscheidende Vorteile. Mehr dazu in Kapitel 3.

Reelle Zahlen

Die reellen Zahlen sind diejenigen Zahlen, mit denen man in der Höheren Mathematik am hÀufigsten rechnet.

Sie werden durch drei Eigenschaften beschrieben:

  • die aus der Schule bekannten Rechenregeln fĂŒr +, -, ⋅ und /

  • ihre Anordnung

  • ihre VollstĂ€ndigkeit, d.h. die eben erwĂ€hnte Eigenschaft, dass die Menge der reellen Zahlen keine "'LĂŒcken"' aufweist

Die Rechenregeln besagen kurz gefasst, dass fĂŒr zwei reelle Zahlen \(a\) und \(b\) die Summe \(a+b\), das Produkt \(a\cdot b\) und die Differenz \(a-b\) wieder eine reelle Zahl ist. Auch der Quotient \(a/b\) ist eine reelle Zahl, falls \(b\neq 0\) ist. FĂŒr die Addition und die Multiplikation gelten jeweils das Assoziativ- und das Kommutativgesetz:


\((a+b)+c=a+(b+c)\) und \(a+b =b+a\)

\((a{\cdot}b){\cdot}c=a{\cdot}(b{\cdot}c)\) und \(a{\cdot}b=b{\cdot}a\).

Außerdem sind die Multiplikation und die Addition durch das Distributivgesetz miteinander verknĂŒpft:

\((a+b) \cdot c = a \cdot c + b \cdot c\).

Die zweite Eigenschaft der reellen Zahlen, die Anordnungseigenschaft besagt, dass man zwei reelle Zahlen immer miteinander vergleichen kann:

Sind \(x\) und \(y\) zwei reelle Zahlen, dann ist immer

\(x < y\;\) oder \(\; x=y\;\) oder \(\;x > y\,\).


Diese Eigenschaft ist der Grund dafĂŒr, dass man sich die reellen Zahlen oft als die Menge der Punkte auf der "Zahlengeraden" vorstellt. Je weiter rechts eine Zahl auf dieser Geraden liegt, umso grĂ¶ĂŸer ist sie. Auch wenn den meisten Studierenden das völlig selbstverstĂ€ndlich vorkommt, bei den komplexen Zahlen, die wir bald kennenlernen werden, gibt es diese Eigenschaft nicht.

FĂŒr das Rechnen mit Ungleichungen gibt es einige Regeln.

Seien \(a\), \(b\) und \(c\) reelle Zahlen. Dann gilt:

\( \begin{aligned} a < b \;\text{ und }\; b < c & \quad\Rightarrow\quad a < c\\ & \\ a < b \;\text{ und }\; c\in\mathbb{R} & \quad\Rightarrow\quad a+c < b+c\\ & \\ a < b \;\text{ und }\; c > 0 & \quad\Rightarrow\quad a \cdot c < b \cdot c \end{aligned}\)


Oft verwendet man auch Vergleiche mit \(\leq\) und \(\geq\).

Anregung:

Überlegen Sie sich selbst, dass die oben angegebenen Rechenregel fĂŒr Ungleichungen auch gelten, wenn man ĂŒberall < durch ≀ und > durch ≄ ersetzt.


Etwas vorsichtiger muss man sein, wenn man Ungleichungen mit negativen Zahlen multipliziert oder auf beiden Seiten Kehrwerte bildet, denn dann kann sich das Ungleichheitszeichen Àndern, aus "\(\leq\)" wird also "\(\geq\)" und umgekehrt:

Seien wieder \(a\),\(b\) und \(c\) reelle Zahlen. Dann gilt:

\(\begin{array}{rcl}a\;\leq\;b\;\;\;\text{und}\;\;\;c\;\leq\;0& \Rightarrow&a{\cdot}c\;\geq\;b{\cdot}c\\ &&\\0\;\leq\;a\;\leq\;b\;\;\;\text{oder}\;\;\;a\;\leq\;b\;\leq\;0&\Rightarrow&\displaystyle\frac{1}{a}\;\geq\;\displaystyle\frac{1}{b}\\&&\\ \;\;\;\text{jedoch}\;\;\;\;a\;\leq\;0\;\leq\;b&\Rightarrow&\displaystyle\frac{1}{a}\;\leq\;0\;\leq\;\displaystyle\frac{1}{b} \end{array}\)

Insbesondere ergeben sich daraus auch die bekannten Regeln

\(\begin{array}{rcl}\text{positiv}\cdot\text{positiv}=\text{positiv},&\;\;\;&\displaystyle\frac{\text{positiv}}{\text{positiv}}=\text{positiv}\\ \text{positiv}\cdot\text{negativ}=\text{negativ},&\;\;\;&\displaystyle\frac{\text{positiv}}{\text{negativ}}=\text{negativ}\\ \text{negativ}\cdot\text{positiv}=\text{negativ},&\;\;\;&\displaystyle\frac{\text{negativ}}{\text{positiv}}=\text{negativ}\\ \text{negativ}\cdot\text{negativ}=\text{positiv},&\;\;\;&\displaystyle\frac{\text{negativ}}{\text{negativ}}=\text{positiv}\end{array}\)

Ultime modifiche: mercoledĂŹ, 19 febbraio 2025, 08:50