10.3 Konvergenz

Unter allen Zahlenfolgen interessiert man sich besonders fĂŒr die konvergenten Folgen, das sind diejenigen Folgen, deren Folgenglieder sich einem bestimmten Wert immer mehr annĂ€hern. Bei der Frage nach der Konvergenz geht es darum zu beschreiben, wie sich Glieder einer Folge schließlich verhalten, wenn man n immer grĂ¶ĂŸer macht.

Beispiel (Vakuumpumpe, siehe Mayberg & Vachenauer):

Ein BehÀlter vom Volumen V soll mit Hilfe einer Pumpe evakuiert werden. Dazu wird mehrmals hintereinander der folgende Zyklus durchlaufen:

Vakuum

  1.   Hahn 1 wird geschlossen und Hahn 2 geöffnet

  2.   der Kolben wird herausgezogen

  3.   Hahn 2 wird geschlossen und Hahn 1 geöffnet

  4.   der Kolben wird hineingeschoben

Zu Beginn herrscht ĂŒberall der gleiche Außendruck \(p_0\). Der Druck im BehĂ€lter nach dem n-ten solchen Zyklus werde mit \(p_n\) bezeichnet. Wenn man von einem idealen Gas und gleichbleibender Temperatur ausgeht, dann ist immer \(p\cdot V=const.\). Zu Beginn des \((n+1)\)-ten Zyklus herrscht im BehĂ€lter der Druck \(p_n\), wĂ€hrend sich im Rohr der Außendruck \(p_0\) eingestellt hat, da ja der Hahn 2 geöffnet war. Nach dem Herausziehen des Kolbens sinkt der Druck auf

\(p_{n+1}\cdot(V+R+K)=p_nV+p_0R\;\Rightarrow\;p_{n+1}=\displaystyle\frac{p_nV+p_0R}{V+R+K},\)

bevor Hahn 1 wieder geschlossen wird. Auf diese Weise wird der Druckverlauf im BehÀlter durch eine rekursive Folge beschrieben.

Von Interesse ist hier natĂŒrlich die Frage, wie klein man den Druck auf diese Weise machen kann. FĂŒr \(V=1\), \(p_0=1000\), \(K=0,2\) und \(R=0,1\) sind die ersten 50 Werte von \(p_n\) in der folgenden Graphik dargestellt:

Druckverlauf

Offenbar nĂ€hert sich der Druck im BehĂ€lter immer mehr einem festen Wert \(p_{\infty }\) an. Wie man das mathematisch prĂ€zise beschreibt und wie man diesen Druck \(p_{\infty }\) bestimmt, der "schließlich" erreicht wird, werden wir in diesem Kapitel lernen.

In der Praxis wird man in vielen FĂ€llen die Folgenglieder \(a_n\) einer konvergenten Folge \((a_ n)_{n\in \mathbb {N}}\) fĂŒr großes n und den Grenzwert der Folge nicht mehr unterscheiden. In dem eben diskutierten Beispiel wird der Grenzwert des Drucks nie ganz erreicht. Trotzdem wird man davon ausgehen, dass man nur einen winzigen Fehler macht, wenn man statt \(p_{100}\) oder \(p_{1000000}\) mit dem (von n unabhĂ€ngigen) Wert \(p_{\infty }\) rechnet.


Als nĂ€chstes soll nun ganz prĂ€zise beschrieben werden, was es bedeutet, dass sich die Glieder einer Folge immer mehr einem "‘Grenzwert"’ annĂ€hern.

Um die anschauliche Vorstellung mathematisch in den Griff zu bekommen, betrachtet man kleine Intervalle um eine vorgegebene Zahl herum.

Definition (Umgebung):
Sei \(a\) eine reelle Zahl. FĂŒr \(\varepsilon >0\) nennen wir die Menge

\(B_{\varepsilon}(a):=\{y\in\mathbb{R};|a-y|<\varepsilon\}=(a-\varepsilon,a+\varepsilon)\)

die \(\varepsilon\)-Umgebung von \(a\).


Die Folge \((a_n)_{n\in \mathbb{N}}\) konvergiert dann gegen eine Zahl \(a\), falls es zu jedem noch so kleinen \(\varepsilon >0\) einen Index \(N=N(\varepsilon )\) gibt, so dass ab diesem Folgenindex alle Folgenglieder in der \(\varepsilon \)-Umgebung von \(a\) liegen.

Definition (Konvergenz):

Sei \(\left( x_n\right)_{n\in \mathbb {N}}\) eine Folge reeller Zahlen und \(a\) eine reelle Zahl. Dann konvergiert die Folge \(\left( x_n\right)_{n\in \mathbb {N}}\) gegen \(a\), falls es zu jeder reellen Zahl \(\varepsilon >0\) eine natĂŒrliche Zahl \(N\in \mathbb {N}\) gibt, so dass

\(|x_n-a|<\varepsilon\;\) fĂŒr alle \(\;n>N.\)

Man schreibt dann

\(\lim\limits_{n\to\infty}x_n=a\;\) oder auch \(\;x_n\stackrel{n\to\infty}{\longrightarrow}a.\)

Die Zahl \(a\) nennt man den Grenzwert oder Limes der Folge.

Falls eine Folge nicht konvergiert, nennt man sie divergent.


Beispielsweise sind die Folgen \((0,1,0,1,0,1,\dots )\) oder \((1,2,3,4,5,\dots )\) oder \((1,-2,3,-4,5,-6,\dots )\) alle divergent.

Achtung! Es ist durchaus erlaubt, dass auch Folgenglieder \(x_n\) mit n<N nahe an a liegen, es mĂŒssen aber erst ab dem Index N alle Folgenglieder höchstens noch den Abstand \(\varepsilon \) vom Grenzwert a haben.


Besonders hÀufig haben wir es mit Folgen zu tun, die gegen 0 konvergieren. Diese Folgen nennt man Nullfolgen.

Last modified: Saturday, 26 January 2019, 8:36 AM