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Thomas Mann (1875-1955) hat seine politischen Stellungnahmen während des Ersten und Zweiten Weltkriegs, aber auch während der Weimarer Republik und der Naziepoche, häufig mit dem Kommentar versehen, dass er sich eigentlich als unpolitischen Künstler verstehe. Gegen diese Selbstbeschreibung sprechen jedoch die Klarheit und Eindeutigkeit, nicht zuletzt auch der polemische Grundzug seiner politischen Äußerungen. Dafür wiederum spricht sein erzählerisches Werk, das einerseits in Mehrdeutigkeiten schwelgt, zugleich aber auch solche Mehrdeutigkeit problematisiert.

Für unsere gemeinsame Lektüre seiner politischen und rein literarischen Texte ginge es nun darum zu prüfen, ob für diese ambivalente Haltung tatsächlich Manns Erklärung genügt, dass ihn die Zeitläufe dazu genötigt hätten, sein Künstlertum in den Dienst der Politik zu stellen. Oder ist die Ambivalenz nicht in seinem Literaturverständnis angelegt, z. B. in seiner ironischen Erzählhaltung, die keiner seiner literarischen Figuren eine so eindeutige Meinung zugesteht, wie er als Autor sich selbst?

Eine unserer Fragen wird sein: Schlägt sich Thomas Manns Wandlung vom Anhänger des imperialistischen Kaiserreichs zum Verfechter der universalen Demokratie auch in seiner Erzählpoetik nieder? Auf dem Weg zur Antwort werden wir in diesem Seminar Manns explizite politische Äußerungen analysieren, u.a. die "Gedanken im Kriege" (1914), die "Betrachtungen eines Unpolitischen" (1918), "Bruder Hitler" (1939) sowie die BBC-Reden "Deutsche Hörer" (1940-45). Parallel und im Kontrast dazu setzen wir uns mit dem impliziten politischen Gehalt der thematisch analogen "Zeitromane ", also des "Zauberbergs" (1924) und des "Doktor Faustus" (1947), auseinander.

Erste Orientierung: Manfred Görtemaker: Thomas Mann und die Politik. Frankfurt a.M. (S. Fischer) 2005.

Semester: WT 2026/27
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