In den 1970er Jahren wurde das Projekt einer »Materialistischen Literaturwissenschaft« angegangen, die dezidiert als Gegenentwurf zu textimmanenten, geistesgeschichtlichen, hermeneutischen, strukturalistischen und anderen als idealistisch begriffenen Verfahren der wissenschaftlichen Erschließung literarischer Texte nachgerade in Stellung gebracht wurde. Eine Materialistische Literaturwissenschaft, so formulierte es 1970 die Germanistin Marie-Luise Gansberg programmatisch, »begreift […] ihren Gegenstand als dialektisches Moment im gesamtgesellschaftlichen Prozess«, »erkennt jeden Text als Produkt menschlicher Arbeit, entstanden durch und in Auseinandersetzung mit menschlicher Herrschaft«. Der literarische Text als »ästhetische[s] Gebilde« vermittele daher »im Spiel der Einbildungskraft Erkenntnis über die Gesellschaft, der [er] entstammt«. Eine materialistische Literaturgeschichtsschreibung müsse das komplexe gesellschaftliche Voraussetzungssystem der Produktion literarischer Texte in den Blick nehmen und zudem auch die Verwertungsprozesse untersuchen, denen Literatur als Ware unterworfen sei.

Kritiker warfen dieser Perspektive unter anderem einen ökonomischen Reduktionismus vor und eine Verkennung der eigentlichen Qualität literarischer Texte als Teil ästhetischer Kommunikation; ästhetische Strukturen würden in materialistisch programmierten Analysen literarischer Texte grundsätzlich auf ideologische Tiefenstrukturen zurückgeführt werden.

Im Seminar sollen theoretische Grundlagen und methodische Implikationen verschiedener Ansätze materialistischer Literaturwissenschaft erarbeitet werden, ihre Reichweite und Grenzen kritisch diskutiert und ihrer Fortwirkung in oder Verschränkung mit anderen theoretisch-methodischen Konzepten der Literaturwissenschaft (u.a. Sozialgeschichte der Literatur, Literatursoziologie) nachgespürt werden. Nicht zuletzt soll danach gefragt werden, welche Rolle materialistische Positionen für eine Literaturwissenschaft im 21. Jahrhundert gewinnen können.

Die im Seminar erarbeiteten Perspektiven werden in der Veranstaltung »Materialistische Literaturwissenschaft in der Praxis: Gewalt, Arbeit, Ausbeutung, Selbstoptimierung in literarischen Texten« (Fr. 14-16 Uhr) exemplarisch erprobt, so dass die parallele Teilnahme an beiden Veranstaltungen dringend empfohlen wird.

Semester: SoSe 2026