Was ist eigentlich falsch daran, zu lügen – oder sich selbst etwas vorzumachen? Ist Täuschung stets moralisch verwerflich, oder brauchen wir Lebenslügen vielleicht sogar, um unser Leben erträglich und handlungsfähig zu gestalten? Die Vorlesung widmet sich den ethischen Problemen rund um Täuschung und Selbsttäuschung aus philosophiehistorischer und kontextbezogener Perspektive. Sie folgt der Entwicklung der Wahrheitstugenden von Homer, Platon und Aristoteles über Augustinus, Thomas von Aquin, Grotius, Butler, Rousseau, Kant, Schopenhauer, Nietzsche und Ibsen bis hin zur Gegenwartsphilosophie. Im ersten Teil geht sie der Frage nach, warum die Lüge im heutigen Europa als die gravierendste unter den Wahrheitsuntugenden gilt, während in der antiken Dichtung und Philosophie andere Formen wie Prahlerei, leeres Gerede, üble Nachrede oder die Verstrickung in Irrtum und Selbsttäuschung negativer bewertet wurden. Nicht Ehrlichkeit, sondern die Fähigkeit, die Wirklichkeit zu erkennen und sprachlich zu vermitteln, sowie der Mut zur Wahrheit (Parrhesie) stand im Zentrum der ethischen Reflexion. Im zweiten Teil geht es um die Neubewertung der Lüge durch die Theologie von Augustinus, der sie zur schweren Sünde erklärte, und der daran anschliessenden Unterscheidung zwischen bewusster Falschbehauptung und Lüge durch die neuzeitlichen Naturrechtstheorien. Im letzten Teil werden wir uns mit den Wahrheitstugenden in der heutigen Politik befassen, mit einem Gastvortrag der Lügenforscherin Simone Dietz.
Die Vorlesung richtet sich an Studierende aller Semester und Fächer mit Interesse an Ethik, Philosophiegeschichte und Fragen der moralischen Kommunikation. Ein unbenoteter Schein kann durch aktive Teilnahme erworben werden: regelmässige Lektüre der Texte vor den jeweiligen Vorlesungen mit Beantwortung von Fragen, Teilnahme an den Diskussionen sowie ein Protokoll. Benotete Leistungen sind durch eine mündliche Prüfung in der letzten Semesterwoche möglich.
- Kursleiter/in: Maria-Sibylla Lotter
- Kursleiter/in: Tim Julian Reinbacher