Selbstlernen, Selbststeuerung, Selbstverantwortung: das starke 'Selbst' erlebt - nach zahlreichen Abgesängen - gegenwärtig erneut Konjunktur und wird allerorts enthusiastisch mit Versprechen von Autonomie-Gewinnen des Individuums beworben. Jedoch stellt sich bei näherer Betrachtung die Frage, für wen dieses Versprechen ein Gewinn an Handlungsmöglichkeiten und für wen es eine mögliche Zumutung darstellt. Das Seminar widmet sich der Suche nach jenen Mechanismen, die dazu führen, dass sich die Akteure (des Bildungssystems) selbst als verantwortlich für ihre Lage, ihr Handeln und daraus resultierende positive und negative Konsequenzen empfinden. Welche Rolle spielt dabei die Position im 'Sozialen Raum' (respektive eine 'milieu-spezifische Sozialisation')?
Weitere Fragen des Seminars sind: In welchem Verhältnis stehen 'Responsibilisierung' (Verantwortlichmachen) und Subjektivierung? Welches Gewicht hat dabei die Bewertung der eigenen Lebenssituation als (spontanes) Unglück oder (systematische) Ungerechtigkeit? (Vgl. Shklar 1992) Wie gelingt es, dass "bestimmte Aspekte dieser Welt stets jenseits oder diesseits kritischer Infragestellung stehen"? (Bourdieu 1992: 82) Pointiert gefragt: Wie gelingt es, die Willkür der sozialen Ordnung zu verkennen und das Gegebene als eigenverantwortliches Schicksal anzuerkennen? Das Seminar interessiert sich dabei insbesondere für das "körperlichen Verwachsensein" (ebd.) mit der sozialen Grammatik und den korrespondierenden leiblichen Phänomenen wie bspw. Scham und Ekel.
Entlang ausgewählter Positionen (Weber, Durkheim, Elias und insb. Bourdieu) soll der Genese dieses ungewöhnlichen Selbstverhältnisses nachgespürt werden, in welchem sich der Mensch als autonom und eigenverantwortlich beschreibt, bzw. dazu angehalten - oder gar genötigt - wird sich als solcher zu beschreiben.