Es gilt als selbstverständlich, dass Lehrer_innen neben ihrer fachlichen und fachdidaktischen Kompetenz ein besonderes Ethos besitzen müssen, um wirklich gute Lehrkräfte zu sein. Ethos, verstanden als 'geronnene Ethik' (Seichter 2011), meint in diesem Kontext ein Konglomerat aus ethischen Einstellungen, Handlungsmustern und Erwartungen, welche mit dem Beruf und dem pädagogischen Handlungsfeld verbunden sind. Was sich aber genau hinter dem Begriff 'Ethos' verbirgt, variiert stark: Je nach erziehungswissenschaftlichen Paradigma und sozial-geschichtlichen Kontext wird 'Ethos' zum Beispiel als angeborene Persönlichkeitseigenschaft oder als zu erlernende Kompetenz konzeptualisiert.
Im Seminar werden wir zunächst einer systematisch-historischen Perspektive nachgehen und fragen, wie der Bedarf einer besonderen Berufsethik und die Ethik selbst zu unterschiedlichen historischen Zeitpunkten begründet wird. Einen zweiten Schwerpunkt soll die Auseinandersetzung mit kritischen Stimmen bilden: So weist der Erziehungswissenschaftler Terhart seit 1987 immer wieder darauf hin, dass die Gefahr einer normativen Überforderung bestehe und ein Sprechen über ein ideales Ethos den Lehrberuf verunmögliche. Mit diesen theoretischen Weichenstellungen sollen in einem letzten Schritt aktuelle Diskurse befragt werden. Die Thematisierung vom pädagogischen Ethos erlebt seit dem "PISA-Schock" von 2001 eine erneute Renaissance: Der Appell an das Verantwortungsbewusstsein von Lehrer_innen soll einen Haltungswechsel bzgl. gestiegener Heterogenität der Schüler_innen bewirken. In diesem Zusammenhang werden wir praxisnahe Konzepte zur Verbesserung dieser Haltung analysieren.
Die Prüfungsleistung werden wir in der ersten Seminarsitzung besprechen. Zentraler Bestandteil des Seminars wird die Textbearbeitung und Textdiskussion sein, was vorbereitende Textlektüre unbedingt erforderlich macht.