Bibelzitate dienten der traditionellen Moraltheologie meist lediglich zur Ausschmückung oder nachträglichen Absicherung einer naturrechtlich fundierten Morallehre. Im 20. Jahrhundert wird das Verhältnis von Bibel und christlicher Ethik jedoch grundlegend neu reflektiert und bestimmt. Richtungsweisende Entwürfe wie zum Beispiel „Das Gesetz Christi“ (1954) von Bernhard Häring entstehen. Das Zweite Vatikanische Konzil drängt die Moraltheologie, sich intensiver auf die Heilige Schrift einzulassen. Doch offen bleibt, wie das Verhältnis von Bibel und Ethik neu zu bestimmen ist. Im Zuge der Herausbildung des Konzepts einer autonomen Moral im Anschluss an das Konzil verschärft sich die Frage, ob die Bibel nicht wiederum auf eine „ornamentale Funktion“ reduziert wird. Wenn die Erkenntnis und Geltung moralischer Normen den Glauben nicht voraussetzen, dann muss die Rolle der biblischen Botschaft für die theologische Ethik neu gedacht werden. Die Vorlesung will die angedeutete Entwicklung und unterschiedliche Verhältnisbestimmungen von Bibel und Ethik darstellen und kritisch reflektieren.